Monty Python Live (mostly)

Morgen findet die letzte der Reunion-Shows von Monty Python in der Londoner O2-Arena statt. Das ganze wird live auf Arte Concert übertragen, irgendwann gibt es auch noch eine Ausstrahlung im TV-Programm des Senders mit deutschen Untertiteln. Ich hab mal aufgeschrieben, wie es bei der Live-Show war.

So sehr ich mich auch darauf gefreut habe, Monty Python in der Londoner O2-Arena live zu erleben — und ich glaube nicht, dass ich jemals in meinem Leben einem Ereignis so entgegengefiebert habe, außer vielleicht dem einen Weihnachten als Kind, zu dem ich mir einen Nintendo 64 gewünscht hatte — : Weder meine Erwartungen noch meine Ansprüche waren besonders groß. Ein Best of der klassischen Python-Sketche, vielleicht ein, zwei neue Songs von Eric Idle, viel mehr hatte ich gar nicht erwartet — im Grunde eine Wiederaufführung von Monty Python Live at the Hollywood Bowl.

Doch Monty Python Live (mostly) ist mehr als das. Natürlich erfinden Python sich nicht neu und natürlich dominiert klassisches Material, doch die Inszenierung und Überraschungen machen die Show zu mehr als “nur” der Live-Version einer Greatest Hits-Compilation.

Zu verdanken ist das wahrscheinlich zu großen Teilen Eric Idle. In den letzten Jahren haftete ihm ein wenig der Ruf der Geldmacherei an (woran vermutlich in erster Linie John Cleese Schuld ist), und tatsächlich war Idle immer derjenige, der seine Projekte am großzügigsten mit der “Marke” Monty Python bewarb. Nur waren diese Projekte — zumindest die, die ich gesehen habe — dieser Marke eben auch durchaus würdig: das Musical Spamalot und vor allem He’s not the Messiah (He’s a Very Naughty Boy), ein Oratorium basierend auf Life of Brian, waren großartige Produktionen, die sowohl als Adaption des klassischen Python-Materials als auch als eigenständige Werke bestehen können.

Insofern macht es nur Sinn, dass Idle der klare Drahtzieher der Python-Reunion ist. Er ist der Regisseur der Show, sein langjähriger musikalischer Partner John du Prez der musikalische Leiter, und die Handschrift der beiden ist in der ganzen Show zu spüren — auf sehr positive Weise: Musik spielte schon immer eine wichtige Rolle bei Python, doch noch nie wurde sie mit solchen Production Values präsentiert: Ein Orchester plus Chor sowie eine Menge großartiger Tänzer lassen die altbekannten Songs in neuem, spektakulärem Licht erstrahlen, was gerade bei den weniger ikonischen Songs erstaunlich gut funktioniert — Sit on my Face und der Penis Song (inkl. neuen Strophen über Ärsche und Vaginas. #equality.) sind noch lustiger, wenn sie von einer zig-köpfigen Gruppe blutjungen Tänzer_innen performt werden. Die Musical-Elemente helfen auch dabei, die ein oder andere “Schwäche” der Pythons auszubügeln: Wir wussten im Voraus, dass John Cleese aufgrund seines künstlichen Hüftgelenkes den Silly Walk nicht mehr performen kann, doch dank der besten Choreographie der Show, zum tollen, neuen Silly Walk Song, ist das Ministry of Silly Walks dennoch eins der großen Highlights des Abends.

Die Musik erfüllt, in Kombination mit Clips aus der originalen TV-Show und Terry Gilliams Animationen (sowohl klassischen Cut-Up-Sequenzen als auch Computer-Animation, die sich sehr gut in den Gesamtstil einfügt, kommen zum Einsatz), noch eine weitere, noch wichtigere Rolle für die Show: Mit Hilfe dieser Elemente rekreieren Idle und co. das Feeling der alten TV-Show – den stream of consciousness, der eine Folge als ein Gesamtwerk statt einer bloßen Ansammlung von Sketchen ohne größeren Zusammenhang erschienen ließ. Wie damals im Fernsehen ist auch bei der neuen Live-Show nicht immer sofort ersichtlich, wo ein Sketch aufhört und der nächste beginnt, was dem Humor der Pythons und ihrer Art, Sketche zu strukturieren nur zu Gute kommt, denn bekanntlich haben viele ihrer Sketche gar kein richtiges Ende, geschweige denn eine klassische Pointe.1

Was gelegentlich kritisiert wurde – dass immer wieder für längere Zeitspannen (i.e. die Dauer eines Songs, z.B.) keiner der Pythons selbst auf der Bühne steht – ist meiner Meinung nach also eher notwendig für das Gelingen der Show als Gesamtwerk – zumal es nicht auf Kosten des eigentlichen Sketch-Materials geht: Mir fällt eigentlich kein klassischer Sketch ein, der in der Show “fehlte” – letztlich werden nur die Kostümwechsel mit Musicalnummern und Clips überbrückt, was vielleicht stört, wenn man wirklich nur da ist, um die Pythons auf der Bühne zu sehen, wenn man aber Interesse an einer wirklich guten, durchkonzeptionierten Show hat, nur positiv ins Gewicht fallen kann.

Eine Überraschung allerdings war für mich noch erfreulicher: Hätte man mich vor der Show gefragt, welcher der Pythons am wenigsten Lust auf die Reunion hat, ich hätte ohne zu Zögern John Cleese genannt. Cleese war derjenige, der sich jahrelang gegen eine Reunion sperrte (und, wie erwähnt, zeitweise mit Eric Idle aufgrund dessen Nutzung des Python-Namens zerstritten war), Cleese war derjenige, der damals als erster ausstieg und überhaupt, hat John Cleese eigentlich auf irgendwas, was er tut, tatsächlich Lust? Tatsächlich habe ich Cleese jedoch wohl nie so sichtbar spielfreudig erlebt wie an diesem Abend (und ich gehe davon aus, dass man für die anderen Abende ähnliches sagen konnte), er warf sich mit Verve in jede einzelne seiner Rollen und bewies, dass er noch immer der beste lebende komische Schauspieler der Welt ist.2 So sehr ich jeden einzelnen der Pythons liebe und so sehr es vor allem das Zusammenspiel so unterschiedlicher, jeder auf seine Art genialer Performer und Autoren ist, das Python so gut macht, als bloßer komischer Performer überragte Cleese die anderen stets (nicht nur im wörtlichen Sinne) und tut es noch immer. Dennoch waren auch alle anderen gewohnt großartig und natürlich hätte keiner der Pythons an diesem Abend fehlen dürfen – okay, Eric Idle war sichtbar etwas angespannt, aber das war angesichts der großen Verantwortung, die er stemmen musste, verständlich und ja, Terry Jones hat in einem Sketch seinen Text abgelesen, doch Jones war nie der größte Performer unter den Pythons (weil er nicht wollte, nicht, weil er nicht konnte), abgesehen natürlich davon, dass er unbestritten die beste Frau unter den Pythons ist, wovon man sich in einer live ungefähr 87% lustigeren Version des “Penguin on the TV”-Sketches auch an diesem Abend wieder überzeugen konnte. Übrigens kam das fortgeschrittene Alter den Pythons, mit wenigen Ausnahmen wie Nudge Nudge, Wink Wink, eher entgegen: Sketche wie Four Yorkshire Men, in dem die Pythons über ihre längst vergangene Kindheit in Pappkartons (“Ha! Wir haben damals von einem Pappkarton geträumt!”) sinnieren, oder die vielen Autoritätsfiguren im Repertoire von John Cleese (der ohnehin zu den Menschen gehört, die schon immer alt waren) funktionieren nochmal eine ganze Ecke besser, wenn die Performer die erforderte Gravitas und Lebenserfahrung projizieren und nicht vortäuschen müssen.

Das alles ist natürlich viel Herumreden um den eigentlichen Punkt: Unabhängig davon, ob man die Inszenierung der Show und die Musical-Nummern etc. nun mag oder nicht, geht es am Ende vor allem doch darum, die Pythons tatsächlich noch einmal live zu sehen, im selben Raum wie sie zu sein und zu erleben, wie sie ihr legendäres Material auf die Bühne bringen. Und das ist genau so ein unbeschreibliches Gefühl, wie ich es mir erhofft hatte – mindestens so oft, wie ich lachen musste, musste ich auch mit den Tränen kämpfen. Weil es als Fan einfach rührend ist, wenn Cleese und Palin sich beim Dead Parrot-Sketch nicht mehr in die Augen sehen können, ohne loszulachen, wenn Terry Gilliam sich mit derselben kindischen Freude wie früher in die demütigendsten Rollen der Show wirft, wenn immer wieder auf liebevoll-respektlose Weise an Graham Chapman erinnert wird, generell wenn diese großen, alten Männer der Comedy noch einmal richtig silly sind, das sichtlich genießen und dabei dennoch ihre Würde behalten.

 


  1. Mein vielleicht liebster Moment an dem Abend, als ich die Show sah, war der, als John Cleese Michael Palin im letzten Sketch unter mühsam unterdrücktem Lachen aufforderte, er möge sich doch bitte eine Punchline ausdenken, damit endlich alle nach Hause gehen können.  
  2. Cleese war auch derjenige, der am häufigsten lachen musste, zum ersten Mal noch bevor er seine erste Zeile – die auch die erste der Show ist – sprechen konnte.  

Wasting Away #19: Niemand sonst macht diese Art von Scheiße (TRANSFORMERS, Monty Python, MANOS: THE HANDS OF FATE)

Die neue, ungewöhnlich kompakte Folge unseres Podcasts, live aufgenommen im Sputnik Kino über den Dächern von Berlin, hat nicht nur eine Geräuschkulisse, die wir mal großzügig als “atmosphärisch” bezeichnen wollen, sondern auch ein Review zu TRANSFORMERS 4, Berichte über Kevin Smith und Monty Python live in London und ein neues, fröhlich-trashiges musikalisches Intro! UND natürlich besprechen wir auch wieder einen grandiosen schlechten Film, nämlich den legendär bizarren MANOS: THE HANDS OF FATE.

00:00:00 – Intro
00:02:45 – EPISODES Season 3
00:05:30 – Monty Python Live (mostly)
00:15:15 – TRANSFORMERS 4
00:32:20 – CLERKS 3-News und Kevin Smith live in London
00:42:05 – EVIL DEAD – The Musical
00:47:45 – MANOS: THE HANDS OF FATE

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Wasting Away #18: Das Schicksal ist voll die Fotze, ey! (LEFT BEHIND & THE FAULT IN OUR STARS)

Wir sind nicht sauer, wir sind nur enttäuscht über THE FAULT IN OUR STARS, die Verfilmung des von uns sehr geschätzten John Green-Bestsellers. Davon abgesehen haben wir dieses Mal allerdings eine ganze Menge zu empfehlen, sowohl aktuelle/kommende Kinostars als auch On-Demand- und Netflix-Tipps. Und am Ende steht unsere Besprechung zum Christen-Propaganda-Klassiker LEFT BEHIND, die weniger ein klassisches Recap ist als eine halbe Stunde vage vom Film inspirierter Nonsens. Viel Spaß!

00:00:00 – Intro: We’re on a mission from God
00:07:00 – THE FAULT IN OUR STARS
00:36:05 – WARA NO TATE – DIE GEJAGTEN
00:43:20 – MALEFICENT
00:53:00 – MISTAKEN FOR STRANGERS
00:58:45 – ESCAPE FROM TOMORROW
01:04:30 – WILLOW CREEK
01:16:30 – LEFT BEHIND

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Lied zur WM

Mein Kampf für die Rechte von Randgruppen geht weiter. Nach der kleinsten Randgruppe der Welt – Matthias Matussek – widme ich mich nun der größten: Fußballfans. Denn auch die muss man tolerieren, auch, wenn man ihren Lifestyle vielleicht ein Bisschen eklig findet.

THE FAULT IN OUR STARS (DAS SCHICKSAL IST EIN MIESER VERRÄTER)

Ich bin, glaube ich, mehr als nur ein Bisschen sentimental und meine Toleranz/Anfälligkeit für sogenannte tearjerker sowie quirky, über-aufrichtige Indie-Lovestorys liegt zumindest für Kritiker deutlich über dem Durchschnitt. Ich weine bei WHEN HARRY MET SALLY und allem mit Molly Ringwald und 97% aller Animationsfilme. Ganz abgesehen von, ähem, THE FAULT IN OUR STARS (dem Buch). Gott, die Tagline meines Blogs ist ein Cameron Crowe-Zitat!1

Was ich sagen will: Es liegt, um den unvermeidlichen Fanboy-und -girl Kommentaren vorzugreifen, nicht an Zynismus oder Kaltherzigkeit oder Kritiker-Snobismus, dass mich THE FAULT IN OUR STARS (der Film) kalt gelassen hat. Es liegt einfach daran, dass THE FAULT IN OUR STARS ein schlechter Film ist.

Für diejenigen, an denen der Hype irgendwie vorbeigegangen ist: THE FAULT IN OUR STARS ist die Verfilmung von John Greens gleichnamigem, tatsächlich ziemlich guten Young Adult-Bestseller über die 16jährige, krebskranke Hazel Grace, die sich in den 2 Jahre älteren Augustus verliebt, der ebenfalls an Krebs litt und ein Bein an die Krankheit verloren hat, mittlerweile aber weitestgehend krebsfrei ist. Der Roman wurde zurecht gelobt für seinen unsentimentalen, aber nicht hoffnungslosen Blick auf die Krankheit und dafür, dass er seine Protagonisten nicht auf selbige reduziert.

Was Buchverfilmungen angeht, gehört THE FAULT IN OUR STARS zu den am meisten vorlagentreuen, die ich je gesehen habe — leider jedoch ist es die uninspirierte, in langweiligem Checklist-Kino resultierende Art von Vorlagentreue, die man von den frühen HARRY POTTER-Teilen kennt, nicht die Art von Vorlagentreue, die darauf schließen lässt, dass die Macher des Films tatsächlich verstanden haben, was die Vorlage erfolgreich macht und mit diesem Wissen einen Film machen, der dem “Geist” der Vorlage treu bleibt, aber als eigenständiges, dem Medium Film angepasstes Werk bestehen kann.

Fast alles, was in THE FAULT IN OUR STARS (dem Buch) passiert, passiert auch in THE FAULT IN OUR STARS (dem Film). Die Charaktere durchlaufen dieselben Plot-Points wie in der Vorlage, in ungefähr derselben Reihenfolge, und führen größtenteils dieselben Dialoge. Der Beitrag der Drehbuchautoren Scott Neustadter und Michael H. Weber (die mit (500) DAYS OF SUMMER und THE SPECTACULAR NOW bewiesen haben, dass sie eigentlich durchaus schreiben können), bestand im Wesentlichen daraus, den Text des Buches in Final Draft zu kopieren und Formatanpassungen zu machen. Den Hardcore-Fangirls, den Youtube-Kindern, die John Green und sein Buch bedingungslos verehren, wird damit wahrscheinlich genau das gegeben, was sie erwarten, doch wer von den Autoren und Regisseur Josh Boone irgendeine kreative Eigenleistung oder wenigstens ein Gespür für filmisches Erzählen erwartet, wird bitter enttäuscht werden.

So sehr der Film auf der bloßen Handlungsebene an der Vorlage klebt, so wenig bekommen wir zu spüren, welche Bedeutung die Protagonisten den Ereignissen beimessen. Boone findet keinen Ersatz für Hazels Ich-Erzählung in der Vorlage, keine filmische Lösung, um ihr durchaus komplexes Innenleben zu vermitteln. Stattdessen hetzt er von Plot-Point zu Plot-Point ohne sich Zeit für Charakter-Entwicklung oder -Motivation zu nehmen und ohne zu vermitteln, wieviel Zeit überhaupt vergeht. Den theoretisch wichtigen, emotionalen Momenten fehlt die Luft zum Atmen, sie dürfen nie wirken, weil bei Boone alles gleichermaßen wichtig bzw. effektiv gleichermaßen egal ist. Die Momente, in denen Hazel die Effekte ihrer Krankheit zu spüren bekommt — die, der Fairness halber, vielleicht nicht wirklich schonungslos, aber doch weniger beschönigt und verharmlost inszeniert sind als im typischen uplifting Krebs-Drama — , hängen in der Luft, sind zu schnell überwunden und, so scheint es, vergessen. Die positiven, lebensbejahenden Momente, wirken unverdient und austauschbar. Der Trip nach Amsterdam, der im Buch das bittersüße Ende einer Entwicklung, eines verfrühten Erwachsenwerdens Hazels markiert, und der auch deshalb so romantisch, so magisch wirkt, weil wir Amsterdam durch die Augen zweier junger US-Amerikaner erleben, die noch nie ihr Heimatland verlassen haben und, das schwingt jederzeit mit, dies wahrscheinlich auch nie wieder tun werden, wirkt im Film enttäuschend prosaisch, inszeniert mit all der Grandezza, die man sonst von Lehrern auf Klassenfahrt kennt, bewaffnet mit einer viel zu teuren Spiegelreflexkamera, die sie so leidlich bedienen können und deshalb einfach mal auf Autofocus gestellt haben.

Doch die lustlose TV-Film-der-Woche-Inszenierung ist nicht einmal das größte Problem des Films. Vielleicht würde man über all das, naja, nicht hinwegsehen, aber es zumindest zeitweise verdrängen, wenn wenigstens das zentrale Paar des Films glaubhaft wäre. THE FAULT IN OUR STARS ist am Ende ein Film über die Beziehung von Hazel und Augustus, und deren Glaubhaftigkeit steht und fällt mit dem Casting.

Die Besetzung von Shailene Woodley als Hazel ist noch zu verteidigen. Ja, Woodley ist vom Typ her ein Bisschen zu sehr Fee und zu wenig Tomboy, zu sehr Meg Ryan und zu wenig Ellen Page, und ja, Woodley ist mit ihren 22 Jahren deutlich zu alt für die 16jährige Hazel und sieht eher älter aus als sie ist (die Garderobe, die von Helen Mirrens letztem Auftritt als Queen Elizabeth liegengeblieben scheint, verstärkt diesen Eindruck noch). Aber immerhin ist Woodley eine talentierte Schauspielerin, die sich hier die Seele aus dem Leib spielt und dabei zum Einen durchaus für den ein oder anderen ehrlich berührenden Moment sorgt (meist, wenn sie gegenüber Laura Dern, die ihre Mutter verkörpert, spielt), zum Anderen Greens sehr literarische, aus dem Mund echter Menschen potentiell eher peinliche Dialoge sehr natürlich rüberbringt.

Letztlich macht das die Schwächen ihres Partners allerdings nur noch offensichtlicher. Ansel Elgort ist eine katastrophale Fehlbesetzung als Augustus, nicht nur, weil er genau so gesichtslos und nondescript aussieht, wie all die anderen hunks, die in YA-Verfilmungen der letzten Jahre zu sehen waren, sondern auch, weil er als stolzer Absolvent der Hayden Christensen Schauspielschule wenig mehr drauf hat, als solange mit einem selbstverlieben, creepy Grinsen durch den Film zu laufen bis es sich wirklich absolut nicht mehr vermeiden lässt, Emotionen zu zeigen, an welchem Punkt er wie der übereifrige Star der Theater-AG mit gruseligem Over-Acting für unfreiwillige Komik sorgt (ganz zu schweigen davon, dass ich Elgort, der als Augustus große, wortgewandte Reden über nicht angezündete Zigaretten als Metapher für das Leben mit ein Tod schwingen muss, nicht einmal abkaufe, dass er das Wort “Metapher” buchstabieren kann).

Es stellt sich nun natürlich die Frage: Ist irgendwas von all dem wichtig? Lohnt es, über einen Film zu reden, der ohnehin nur als bloßer Fanservice für 14jährige Mädchen konzipiert ist? Ich denke schon, wie man an der Länge dieses Reviews vielleicht erahnen kann, und hier ist warum:

THE FAULT IN OUR STARS ist ein deprimierender Film. Nicht, weil er das Leiden seiner Hauptfiguren auch nur ansatzweise spürbar macht. Sondern weil er diejenigen in ihrer Meinung bestätigen wird, die alle Kunst, die sich an Teenager wendet, als oberflächlich und kitschig und sentimental abtun, die John Green als überhypet vorverurteilen, die Slate-Artikel schreiben, in denen sie das Lesen von YA-Literatur pauschal als schamvolle Zeitverschwendung charakterisieren. Der Grund, aus dem John Green nicht nur bei Teenagern, sondern auch bei vielen Erwachsenen, auch Kritikern so gut ankommt, ist, dass er seine jungen Protagonisten (und seine Zielgruppe) ernst nimmt und wie echte, vollwertige Menschen mit komplexem Innenleben behandelt. Der Film dagegen reduziert Teenager wieder auf melodramatische, hormonell gestörte Noch-nicht-ganz-Menschen, die nicht in der Lage sind, emotionale Nuancen und Ambivalenzen zu vearbeiten. Es ist bedauerlich, dass der Großteil des Publikums sich damit wohl zufrieden geben wird.


  1. …und das ist nur zur Hälfte ein Tribut an Philip Seymour Hoffman.  

Bobcat Goldthwaits WILLOW CREEK

Wann war das letzte Mal ein Found Footage-Film formal interessant? Wann war ein Film dieses Genres nicht gut trotz, sondern gut wegen seiner Inszenierung? Da war BLAIRWITCH PROJECT, der vor allem deshalb genannt werden muss, weil er das Genre mehr oder weniger begründete; CHRONICLE, dessen spektakuläres, in seinem Spiel mit vielen Kameras (innerhalb der Handlung) cleveres Finale beinahe vergessen ließ, dass der Film bis dahin eher Zeugnis für die Grenzen von Found Footage war, dachte er sich doch immer neue Ausreden dafür aus, aus in seinem Korsett eigentlich nicht möglichen Einstellungen zu filmen; und vielleicht noch ein zwei andere dazwischen, doch die überwältigende Mehrheit der Genre-Beiträge bestätigt doch, dass Found Footage in erster Linie eine Möglichkeit für junge Filmemacher ist, möglichst kostengünstig einen Film machen zu können.1

Wann, also, wirkte Found Footage das letzte Mal wie eine künstlerische Entscheidung, statt wie eine finanzielle?

Ich will gar nicht sagen, dass bei Bobcat Goldthwaits Entscheidung, einen Found Footage-Film zu drehen, finanzielle Überlegungen keine Rolle spielten. Der Comedian/Indie-Auteur hatte es noch nie leicht, seine Filme finanziert zu bekommen und drehte meist am unteren Ende der Low Budget-Skala (wobei er dabei natürlich gerade bewiesen hat, dass er auch mit Mikro-Budgets ansehnliche Filme ohne Found Footage-Gimmick drehen kann).

Doch selbst, wenn die geringen Produktionskosten Bobcats einziger Grund waren, seinen Found Footage-Horror WILLOW CREEK zu drehen, ist es doch ein Film geworden, der vor allem durch ein beeindruckendes Verständnis der formalen und inszenatorischen Möglichkeiten des Genres überzeugt, der sich nicht damit begnügt, die schablonenhafte (Nicht-)Inszenierung der meisten Genre-Vertreter zu reproduzieren, sondern die Frage stellt (und beantwortet), was die filmischen Mittel, die Found Footage mit sich bringt, vermitteln und wie man sie gezielt einsetzen kann. Es wäre zuviel, WILLOW CREEK deshalb als Erneuerung des Genres zu bezeichnen, aber es ist definitiv ein Film, der daran erinnert, dass Found Footage nicht zwangsweise uninspiriertes point & shoot und Parkinson-Kamera bedeuten muss.

Plottechnisch ist WILLOW CREEK wohl so nah an BLAIRWITCH PROJECT wie kein anderer Film: Ein junges Paar kommt in eine Kleinstadt, um dort einen Dokumentarfilm über ein mythisches Monster zu drehen, hört sich von den Bewohnern Geschichten über dieses Monster an, das angeblich im nahegelegenen Wald lebt, sucht dann im Wald nach diesem Monster, und findet es oder nicht (in diesem Aspekt bleibt Goldthwait der Genretradition verpflichtet). Der Unterschied: Diesmal ist es Bigfoot, nach dem die Protagonisten suchen, was der Geschichte eine besondere Realitätsnähe verleiht.2

Goldthwait mach sich das zu nutze, indem er im ersten Teil des Films einen halbdokumentarischen Ansatz wählt. Die Locations im “Bigfoot-Mekka” Willow Creek sind echt, ebenso wie die Interviewpartner. Die ersten zwei Drittel des Films sind dann auch nicht Horror, sondern unterhaltsame, teils satirische Quasi-Dokumentation über den Bigfoot-Kult. Bobcat macht sich einerseits über die bizarreren Auswüchse davon lustig — Bigfoot-Burger, Kunstwerke an Häuserwenden, die zeigen, wie Bigfoot von Menschen zu allerlei körperlicher Arbeit gezwungen wird — , zeigt gleichzeitig aber auch ehrliche Faszination für die Kleinstadt und ihre im Grunde ausschließlich um Bigfoot herum gestrickte Ökonomie sowie aufrichtiges Interesse und Empathie für ihre zwar schrulligen, aber durchaus liebenswerten und (größtenteils) überraschend geistesgesunden Einwohner.

Bobcat nutzt diesen langen ersten Teil des Films aber auch, um ausgiebig seine Charaktere einzuführen und so eine Fallhöhe aufzubauen. Jim (Bryce Johnsons) ist ein True Believer, ein Bigfoot-Fanatiker, der mit dem Trip nach Willow Creek seinen Geburtstag feiern möchte. Seine Freundin Kelly (Alexie Gilmore) ist Skeptikerin, aber unterstützt Jim beim Ausleben seiner schrulligen Leidenschaft. Es ist leicht, sich als Zuschauer mit der sarkastischen und cleveren Kelly zu identifizieren, aber auch für Jim und seinen liebenswerten, dorky Enthusiasmus für Bigfoot und alles was dazu gehört — inklusive so mittelguten Songs vom “Bigfoot-Bob Dylan”3 — entwickelt man schnell eine gewisse Zuneigung. In Tradition seiner bisherigen Filme nutzt Goldthwait seine Weirdo-Prämisse auch dieses Mal, um ganz alltägliche, menschliche Beziehungen zu beleuchten: Jims Enthusiasmus für Bigfoot und Kellys Skepsis spiegeln auch ihre emotionale Situation in der Beziehung wieder, mit Jim, der am liebsten all in gehen und Kelly die ewige Liebe schwören würde und Kelly, die eher einen vorsichtigen, one day at a time Weg gehen möchte und ihrer Karriere als Schauspielerin, inklusive einem möglichen Umzug ins Jim verhasste L.A., in ihrer Zukunftsplanung ähnlich viel Bedeutung zugesteht wie ihrer Beziehung (es ist wohl kein Zufall, dass über Jims Karriere auf der anderen Seite gar nicht gesprochen wird). Es ist dann auch nur konsequent, dass der erste “Horror”, dessen Zeuge wir werden, kein (vermeintlicher) Bigfoot-Angriff ist, sondern Jims Heiratsantrag an Kelly und ihre, nunja, bedingt enthusiastische (wenn auch durchaus liebevolle Situation).

Bis der echte Horror kommt, dauert es seine Zeit, doch er kommt — und wirkt. Zum Einen, weil wir zu diesem Zeitpunkt in die Protagonisten und ihre Beziehung – die Chemie der Hauptdarsteller macht es jederzeit nachvollziehbar, warum sie trotz allen Schwierigkeiten zusammenbleiben – investiert sind. Zum Anderen dank Goldthwaits Inszenierung. Bis hierhin war diese in erster Linie angenehm, da Goldthwait, anders als ungefähr jeder andere Found Footage Regisseur, die Kamera stillhält, sowie gelegentlich unterhaltsam, wenn Goldthwait seinen Möchtegern-Filmemacher mehrere Takes ein und derselben Szene drehen lässt (WILLOW CREEK ist tatsächlich einer der konsequentesten Found Footage-Filme, die ich kenne, wirkt er doch dank solcher Momente, als wäre das Material tatsächlich nicht geschnitten.)

Doch jetzt, in der ersten wirklich furchteinflößenden Szene des Films, offenbaren sich die Stärken von Goldthwaits minimalistischer, aber effektiver Inszenierung. In einer einzigen, 20minütigen Einstellung sitzen wir tief in der Nacht gemeinsam mit Jim und Kelly im Zelt und lauschen angespannt der Geräuschkulisse, den halb menschlich, halb tierisch anmutenden Schreien, den Schritten, die näher zu kommen scheinen, dem Klopfen von Holz auf Holz. Kein Schnitt, keine Bewegung der Kamera brechen die Spannung — es sind allein die Schauspieler und das Sounddesign, die die Szene zu einer der ehrlich furchteinflößendsten machen, die ich je gesehen habe, verstärkt noch dadurch, dass die Protagonisten, die sich bis hierhin jederzeit der Kamera bewusst waren, sie hier zumindest zeitweise zu vergessen scheinen.

Es ist ein Bisschen enttäuschend, dass der Film nach dieser grandiosen Szene und der ebenfalls spannenden, wenn auch routinierten folgenden Szene, in der die Protagonisten sich im Wald verirren, zu einem recht generischen, nur durch einen blink and you miss it Moment Goldthwait’scher Seltsamkeit von Found Footage-Stangenware unterscheidbaren Ende findet. Aber letztlich zeigt das wohl nur wieder einmal die Grenzen des Genres auf: Auch ein großartiger Regisseur, der bis hierhin so viel bewusster Gebrauch der filmischen Mittel des Genres machte und einige Szenen kreierte, die eher wie Antworten auf die Einfallslosigkeit anderer Genre-Vertreter wirken, kommt am Ende nicht so recht aus der Nummer raus und gibt sich mit dem vorhersehbarsten, auch filmisch exakt so schon tausend mal gesehen Ende zufrieden (es muss eben einen Grund geben, warum jemand das Footage überhaupt finden muss).

Bis dahin allerdings ist WILLOW CREEK, wenn auch für Bobcat mehr eine Fingerübung als ein tatsächlich interessanter neuer Eintrag in seiner faszinierenden Filmographie, durchaus ein Beweis, dass Found Footage in den Händen eines tatsächlich kompetenten und kreativen Regisseurs mehr sein kann, als nur die Default-Lösung, wenn man unbedingt mal einen Film machen will aber Ideen und/oder Talent für ambitioniertere Projekte fehlen.

WILLOW CREEK lief in Deutschland bisher auf ein, zwei Festivals, ist jetzt aber auf (amerikanischen) VOD-Plattformen erhältlich. Ihr wisst sicher, wie man die nutzt.

 


  1. Als ob es heutzutage nicht möglich wäre, mit Consumer-Kameras einen ansprechend aussehenden, klassisch inszenierten Film zu drehen. Aber es wäre wohl zu gemein, der Mehrzahl der Found Footage-Regisseure bloße inszenatorische Faulheit zu unterstellen, oder?  
  2. Ich sage nicht, dass Bigfoot echt ist, doch der Kult um ihn und das Patterson/Gimlin-Footage, das ihn befeuerte und dessen Location die Protagonisten besuchen wollen, sind es.  
  3. Jap, real person.  

Wasting Away #17: MAC & ME – Sexpuppen aus dem All

Es hat etwas länger gedauert als geplant, Folge #17 zu schneiden, weswegen unsere Besprechung zu Gareth Edwards’ GODZILLA vielleicht nichtmehr ganz so frisch wirkt, aber das tut Gareth Edwards’ GODZILLA ja auch nicht.

Außerdem empfehlen wir KILL YOUR DARLINGS, UNHUNG HERO, THE DIRTIES sowie das neue Tom Cruise-Vehikel EDGE OF TOMORROW, bevor wir uns ausführlich dem E.T.-Ripoff MAC & ME widmen. Viele kennen wohl exakt eine Szene aus dem Film von Paul Rudds Auftritten bei Conan O’Brien – diese lässt allerdings nur erahnen, wie verstörend MAC & ME eigentlich ist.

00:00:00 – Intro
00:06:05 – UNHUNG HERO
00:14:30 – THE DIRTIES
00:19:00 – KILL YOUR DARLINGS
00:25:50 – GODZILLA
00:46:35 – EDGE OF TOMORROW
00:52:25 – MAC & ME

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A Million Ways to Die in the West

Das Problem an Seth MacFarlane ist nicht, dass er untalentiert wäre. Das Problem ist, dass MacFarlane ein überdurchschnittlich talentierter Comedy-Autor und -Regisseur ist, der denkt, er wäre ein Genie.

Das ist es, was A MILLION WAYS TO DIE IN THE WEST so frustrierend macht. Der Film enthält alle Zutaten für eine gute, ja sogar eine großartige Komödie. Doch MacFarlane scheint nicht zu wissen, worin er wirklich gut ist, verlässt sich auf seinen vermeintlichen Charme und seine vermeintliche Cleverness anstatt auf sein Talent, Charaktere zu erschaffen und Geschichten erzählen. A MILLION WAYS TO DIE IN THE WEST hätte ein Showcase sein sollen für den talentierten Filmemacher, der so manchen Skeptiker überraschte, als er mit TED eine grundsympathische, herzensgute Komödie ablieferte – stattdessen ist es allzu oft ein Showcase für den blasierten, selbstverliebten Komiker, wegen dessen Bully-Humor die Oscars im letzten Jahr so unangenehm anzusehen waren.

Wenn Kritiker (und genervte Zuschauer) sich über FAMILY GUY beschweren, werfen sie der Serie meist vor, dass ihr Humor zu sehr auf Cutaway-Gags und Popkultur-Referenzen basiere. Der Vorwurf ist irgendwie korrekt, aber irgendwie auch ein Bisschen falsch: Cutaway- und Popkultur-Gags sind nicht an sich unlustig oder hacky. Das Problem ist, dass sie in FAMILY GUY aus dem Nichts kommen, keine Relation zu Story und Charakteren haben. Deswegen störte es nicht, dass auch TED den ein oder anderen Cutaway-Moment und ganze Popkultur-Referenz-Subplots hatte: Mit Charakteren, die, wie MacFarlane selbst, von 80er-Jahre-Popkultur besessen waren, wirkten die Flash Gordon-Referenzen nicht so aufgesetzt wie in FAMILY GUY, sondern wie ein Teil der filmischen Realität – selbst den AIRPLANE-Disco-Flashback konnte man als Marky Marks verklärte Erinnerung lesen und damit als Symptom der kindischen Verweigerung von Weiterentwicklung und Konfrontation der Realität, die er im Film überwinden musste. Kurz: TED funktionierte, weil er MacFarlanes sehr eigenen Humor zwar beibehielt, aber durch gute Charaktere und Story erdete und die Konsistenz der filmischen Realität aufrecht erhielt.

A MILLION WAYS TO DIE IN THE WEST tut fast dasselbe und funktioniert daher, deprimierender Weise, auch fast. Der Film ist voll mit glaubhaften, ordentlich geschriebenen und von den Schauspielern brillant zum Leben erweckten Charakteren, erzählt eine nicht unbedingt wahnsinnig originelle, aber doch funktionierende Geschichte und kommt gänzlich ohne Cutaways und mit einem Minimum an unpassenden Popkulturreferenzen aus. Dazu ist der Film von Michael Barrett größtenteils ansprechend, teils wunderschön fotografiert und hat einen mitreißenden, euphorischen, authentischen Western-Score von Joel McNeely. MacFarlane hat sich eine Menge Mühe gegeben, hier die Illusion einer kohärenten, glaubhaften, involvierenden Welt zu erschaffen – und zerstört sie dann im Alleingang.

MacFarlane spielt den Schafbauern Albert, der, nachdem er sich feige einem Duell entzogen hat, von seiner Freundin Louise (Amanda Seyfried) zu Gunsten des schmierigen, Schnauzbart-tragenden Foy (Neil Patrick Harris) verlassen wird. Kurz darauf begegnet Albert Anna (Charlize Theron), freundet sich mit ihr an, verliebt sich, yadayadayada. Das Problem dabei: Anna hat “vergessen” zu erwähnen, dass sie die (nicht ganz freiwillige) Frau des gefürchteten Banditen Clinch (Liam Neeson) ist, der sie in wenigen Tagen in der Stadt abholen wird.

Fast jedes Element dieses Plots funktioniert, teils aufgrund des Drehbuchs, teils aufgrund der tollen Schauspieler. Lediglich Seyfrieds Figur ist vielleicht ein Bisschen underwritten, doch MacFarlanes Trauer über das Ende ihrer Beziehung wird schnell zu Aggression gegen ihren neuen Freund, und NPH liefert eine großartig-cartoonige Performance als mustache-twirling villain. Liam Neeson ist, naja, Liam Neeson und entsprechend perfekt besetzt als Annas tatsächlich furchteinflößender Ehemann. Am wichtigsten jedoch: Charlize Therons Anna ist eine wirklich gut geschriebene Frauenfigur, mit eigener Persönlichkeit und Motivation, mit Humor, Charme und tatsächlicher Chemie mit MacFarlane. Das liegt zum großen Teil an Therons Performance, nach YOUNG ADULT und ARRESTED DEVELOPMENT vielleicht die beste in ihrer Karriere, scheint sie es doch sichtlich zu genießen, eine menschliche, nahbare Figur zu spielen anstelle der x-ten Variation ihrer gefühlskalten, eindimensionalen villain-Charaktere. Man muss hier allerdings auch den Regisseur MacFarlane und seine Schauspielführung loben, denn er erlaubt seinen Figuren etwas, was man in Filmen so gut wie nie zu sehen bekommt und was Wunder wirkt, die Chemie zweier sich verliebender Figuren zu illustrieren: Albert und Anna dürfen über die Witze des jeweils anderen lachen. Wer den Trailer gesehen hat, kennt die “I’m gonna shoot a full load at your cans.”-Szene, die bei mir in dieser kontextlosen Form immer ein genervtes Stöhnen hervorrief, im Kontext des Films, in Kombination mit Therons Reaktion, allerdings wie das Herumalbern zweier Charaktere daherkommt, die tatsächlich Spaß aneinander zu haben scheinen und bei denen spürbar ist, was sie aneinander finden.

Das eine schwache Glied in der Kette, bis zu dem Punkt, an dem die Kette zu reißen droht, ist jedoch MacFarlanes Figur. Ich verstehe den grundsätzlichen Witz: Albert lebt in der falschen Zeit. Er ist nicht für das Leben im Wilden Westen gemacht, und er weiß es. Das ist eine bewährte komische Prämisse (perfektioniert von Woody Allen in den early, funny ones), und es funktioniert auch hier eine Weile ganz gut: In einem Monolog früh im Film legt Albert seine Weltsicht dar, die im wesentlichen aus den titelgebenden “Million Ways to Die” besteht – der Westen ist gefährlich, “everything that is not you” könnte potentiell tödlich sein. Es ist eine witzige Szene an sich, mit einigen gut getimten sight gags, sowie gleichzeitig Setup für einen Running Gag, der sich durch den gesamten Film zieht und daraus besteht, dass alle paar Minuten Menschen auf absurd brutale Art bei alltäglichen Aktivitäten sterben. Das ist nicht gerade feinsinnig, aber durchaus unterhaltsam – wäre da nicht MacFarlanes Tendenz, nach so ziemlich jeder dieser Szenen eine Variante seines ursprünglichen Monologes abzuspulen, ohne, dass das in irgendeiner Form in die Dialoge integriert wäre – es wirkt eher, als würde MacFarlane die Handlung für eine mittelmäßige Stand Up-Routine unterbrechen. Das ist das Hauptproblem von A MILLION WAYS TO DIE IN THE WEST und es ist so ärgerlich, dass es von allem, was gut ist im Film, ablenkt: MacFarlane denkt, dass kein Witz wirklich komisch ist, bevor er – und er allein – darauf aufmerksam gemacht, ihn erklärt und dem Zuschauer mehrfach mit dem metaphorischen Ellbogen in die metaphorischen Rippen gestoßen und “Get it? GET IT!?” gerufen hat. Das ist nicht nur ermüdend, es geht – was viel schlimmer ist – auch auf Kosten der suspension of disbelief. MacFarlane hat eine glaubhafte Welt erschaffen, aber weigert sich, selbst ein Teil von ihr zu sein. Er ist nicht Woody Allen, der in seinen Kostümfilm-Parodien eher so wirkte, als hätte er verzweifelt versucht, sich in die Welt, die ihn umgibt, zu integrieren, der jedoch zu klein, zu linkisch, zu nerdy war, um wirklich ein Teil von ihr zu werden und sich daher in Sarkasmus flüchtete. MacFarlane wirkt, als wäre er kurz in der Werbepause der Oscars ans Set gelaufen und hätte sich nichtmal die Zeit genommen, sich das Gel aus den Haaren zu waschen oder wenigstens ein Bisschen symbolischen Dreck ins Gesicht zu schmieren, als hielte er sich für zu gut, um sich wirklich irgendeine Mühe zu geben, Teil seines eigenen Ensembles zu werden. MacFarlane sieht es offenbar als gegeben an, dass jeder Zuschauer jederzeit auf seiner Seite ist, weil er so unglaublich…ja, was: charmant? sympathisch? MacFarlane-y? ist. Das schadet letztlich den im Grunde guten Ideen des Films – es ist einfach nicht witzig, wenn MacFarlane sich über Neil Patrick Harris’ gewachsten Bart lustig macht, solange er dabei eine perfekt sitzende Gelfrisur trägt und alle zwei Sekunden einen Close-Up seines verdächtig faltenlosen Gesichtes zeigt.

Das Traurige ist, dass MacFarlanes Publikum wahrscheinlich tatsächlich genau das sehen will. Traurig deshalb, weil MacFarlane sich auf diese Weise selbst im Weg steht, weil er so aus purer Eitelkeit die Chance verspielt, einer der interessantesten komischen Filmemacher der Gegenwart zu werden. Denn was gut ist an A MILLION WAYS TO DIE IN THE WEST reicht aus, den ersten Eindruck aus TED zu bestätigen: MacFarlane kann mehr, als er in FAMILY GUY zeigt, er hat eine zwar vulgäre und kindische und brachiale, aber doch eigene, originelle Stimme, die sich wohltuend von Judd Apatow, Seth Rogen und co. abhebt1, und er hat Talent dafür, Geschichten zu erzählen, die mehr sind als bloße Vehikel für random Cutaway-Witze und die überraschend viel Herz haben. Ja, er hätte sogar als leading man eine Zukunft, würde er sich damit begnügen, einen Charakter zu spielen anstatt einen Charakter und zusätzlich einen laufenden, “lustigen” Audiokommentar. Wann immer Theron und MacFarlane nur dasitzen und miteinander reden, macht es Spaß, zuzusehen – solange, bis MacFarlane mal wieder entscheidet, aus der Szene zu treten und zu erklären, was jetzt gerade witzig war.

Ich will nach wie vor mehr Filme (und weniger Cartoon-Serien) von MacFarlane sehen – ich hoffe nur, dass er besser früher als später die Stimmen der jolenden frat boys, die ihn und seine Tendenz zur unangenehmen Selbstdarstellung anfeuern, ausblendet und erkennt, wo seine wirklichen Talente liegen.


  1. Ich mag Apatow und liebe Rogen, aber die schiere Masse an Komödien, in die sie oder ihre vielen Freunde involviert sind, lässt manchmal vergessen, dass es überhaupt noch andere Arten gibt, Komödien zu schreiben und inszenieren.