SMoitzcast #1: R.I.P. Robin Williams

Willkommen zur ersten Folge meines neuen Podcasts für alles, was nicht in meine anderen Podcasts passt. Oder so. In dieser ersten Folge reden Conrad (of Die Abspanner & Pillows & Blankets-Fame) und ich über Robin Williams’ Karriere.

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Links zur Folge:

Stiftung Deutsche Depressionshilfe

A.V. Club: On Robin Williams, depression, and the very real struggle to stay alive

Cracked: Robin Williams and Why Funny People Kill Themselves

NY Daily News: Robin Williams dead at 63: Don’t let Robin’s darkness spread (!!!)

LUCY – Dare to be stupid

Ich suche noch nach einem Wort, das stark genug ist, Luc Bessons LUCY zu beschreiben. “Dumm” reicht nicht. EXPENDABLES ist dumm. Michael Bay-Filme sind dumm. LUCY ist mehr als nur dumm. LUCY ist eine verfilmte Lobotomie. LUCY arbeitet aktiv darauf hin, die Intelligenz des Publikums in den bisher nicht erschlossenen negativen Bereich zu bewegen. LUCY ist so aggressiv idiotisch, dass Stephen Hawking den Film aus Sicherheitsgründen niemals ansehen darf, weil das Zusammenprallen von Intelligenz- und Antiintelligenz zur Entstehung eines schwarzen Doofheits-Lochs führen würde, das alles intelligente Leben auf dem Planeten auslöschen würde, sodass am Ende nur noch Luc Besson übrig bleibt. Der letzte Satz war wissenschaftlich, glaube ich, nicht ganz korrekt, aber immerhin nicht gezielt anti-wissenschaftlich, wie zum Beispiel LUCY. Oh mein Gott, ist LUCY dumm.

Fürs Protokoll: Ich habe an sich kein Problem damit, dass sich ein Film den urban myth, wir Menschen würden nur 10% unseres Gehirns nutzen1, zur Prämisse nimmt. Die Prämisse von SPIDER-MAN ist wissenschaftlich auch nicht 100% korrekt. Womit ich allerdings ein Problem habe, ist wenn ein Film sich diesen Schwachsinn zur Prämisse nimmt und dann darauf basierend profund, tiefgängig, ja didaktisch sein will. Und LUCY ist genau das. Der Film mag vorgeben, ein Actionfilm, ein Riff auf das Superheldenkino zu sein, ist in Wahrheit aber nichts anderes als die aufwendigste PowerPoint-Präsentation aller Zeiten, und wie alle2 PowerPoint-Präsentationen ist auch LUCY ab-so-lu-ter, unfassbarer Bullshit, der allerdings, ebenfalls in der Tradition aller PowerPoint-Präsentationen aller Zeiten, von seinem Urheber für die wichtigste Lektion gehalten wird, die das Publikum jemals lernen wird.

Letzteres ist das andere herausstechende Merkmal des Films – neben seiner, nochmal, unbeschreiblichen Dummheit. In jeder Sekunde von LUCY spürt man, wie unendlich geil Luc Besson sich findet, wie unvorstellbar es für ihn ist, dass eine seiner Ideen ihm nicht von Gott persönlich ins Ohr geflüstert wurde. LUCY ist sich für absolut nichts zu schade und die Verlässlichkeit, mit der Besson jeder an Idiotie scheinbar nicht mehr zu überbietenden Idee eine weitere, noch dümmere folgen lässt, der unaufhaltsame Strom geistiger Diarrhö, entwickelt in seiner Konsequenz eine beinahe hypnotische Wirkung und verleitet mich fast zu der Aussage, man müsse das gesehen haben, um es zu glauben, wenn ich nicht wüsste, dass ich damit Bessons Plan, die in IDIOCRACY satirisch prophezeite Zukunft Realität werden zu lassen, unterstützen würde.

Aber ja, es ist auch irgendwie eindrucksvoll, was Besson hier auffährt, auf eine verstörende Weise. Man stelle sich vor, jemand würde bei einem dieser Sandburgenbau-Wettbewerbe mitmachen und eine gewaltige, bizarre, MC Escher-mäßig verdrehte Burg bauen, aber nicht aus Sand, sondern aus seinem eigenen Kot. Das Ergebnis wäre LUCY nicht unähnlich: Es ist beeindruckend und originell und faszinierend, aber eben auch 100% Scheiße.

Das Problem ist nicht nur, dass LUCY dumm ist und basierend auf seiner Dummheit eine idiotisch-verschwurbelte Message(/Philosophie/whatever) vermitteln will; das Problem ist, dass jedes Element des Films im Dienste dieser Message steht, und zwar nur dieser Message. Der Setup um die in China lebende US-Studentin Lucy (Scarlett Johansson), die gegen ihren Willen zum Drogenkurier wird und versehentlich großen Mengen einer neuen Droge ausgesetzt wird, die die angeblich unerschlossenen Regionen des menschlichen Gehirns aktiviert und damit dem Konsumenten aus irgendeinem Grund Superkräfte verleiht, ist rudimentär, aber funktional, präzise, perfekt als Basis eines mitreißenden Actionfilms, zu dem LUCY dann auch für ca. 4 Minuten wird. Doch es dauert nicht lange, dann beginnt die Droge richtig zu wirken, und damit einhergehend verliert LUCY als Actionfilm jedes Gewicht, jede Fallhöhe. Besson suggeriert mit eingeblendeten Prozentangaben, dass die Wirkung der Droge eine Progression hat, Lucy mit wachsender Geistesleistung neue Kräfte gewinnt, doch dies bleibt bloße Behauptung – Lucy kann von Anfang an einfach alles, was die Situation gerade erfordert, ihre Superkräfte folgen keinen Regeln, was einerseits wieder die nicht unsympathische scheiß-auf-alles-Haltung des Films illustriert, andererseits aber auch dafür sorgt, dass nie irgendwas auf dem Spiel steht, da Lucy unverwundbar ist und schnell gar nicht mehr wirklich an der Action teilnimmt, sondern nur wie Neo in MATRIX kurz mit der Hand wedelt und damit alle Feinde entwaffnet und/oder zu Boden bringt. Die tatsächlichen Actionszenen bestehen dann, von einer kurzen, gut inszenierten Autofahr-Szene abgesehen, aus generischen Shootouts, die man so schon tausend mal gesehen hat und nichtmal beim ersten Mal interessant waren.

Es ist alles nur ein Vorwand, um Lucy und Morgan Freeman in einen Raum zu bekommen, damit sie uns gemeinsam eine Lektion über das Leben und den Sinn und kosmische USB-Sticks (oder so) erteilen können, die inhaltlich nahtlos an die ramblings der bekifften Deppenfreunde meines alten Mitbewohners anknüpft. Was ich sagen will: LUCY ist ziemlich dumm.

 


  1. Nochmal zum Mitschreiben: Das ist erwiesener Maßen Unsinn. Außer, wenn man LUCY bereits gesehen hat, dann kann man froh sein, wenn noch 10% übrig bleiben.  
  2. wirklich alle  

DAWN OF THE PLANET OF THE APES (PLANET DER AFFEN: REVOLUTION) oder: I give up

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig es braucht, damit Kritiker einen Film für klug und tiefgängig und komplex halten. Am Größten war meine Verwirrung zuletzt bei GODZILLA, den Kritiker feierten und bei dem sie angesichts des angeblichen Tiefgangs (und der zugegeben hervorragenden Inszenierung des Monsters selbst) über die offensichtlichen Schwächen der Story und Charaktere hinwegsahen. DAWN OF THE PLANET OF THE APES setzt allerdings noch einen drauf: Wo GODZILLA immerhin die erwähnten Monster-Szenen zu bieten hatte, hat DAWN OF THE PLANET OF THE APES, naja, nichts. Und dennoch feiern Kritiker, auch kluge, ihn als smartes Blockbuster-Entertainment: Für Drew McWeeney von HitFix ist DAWN “a film that digs deep, that challenges not only the notion of what a studio blockbuster looks like but also how sequels are supposed to work in a commercial world, a movie about real ideas with a spectacular sense of character and mood”. “The final act of Dawn of the Planet of the Apes is as moving and thought-provoking as anything in the annals of socially conscious science fiction.” schreibt Devin Faraci bei Badass Digest. Josh Larsen (of Filmspotting-Podcast-Fame) vergleicht den Film gar mit Shakespeare: “The nods to Julius Caesar, Henry V and other Shakespearean histories and tragedies aren’t only shallow references, a way to give sci-fi a literary sheen. Because Dawn, like Rise, has envisioned its simian characters so fully, developed their world so intricately and told their story so deftly, the classic themes are given room to live and breathe. As a result, they’re as integral to the film’s tapestry as the stunning special effects.”

Ich sag mal so: Wenn das hier Shakespeare ist, muss ich wohl Ira Glass zustimmen, der kürzlich auf Twitter eine kleinere Kontroverse auslöste, als er schrieb: “Shakespeare sucks.”1

DAWN OF THE PLANET OF THE APES ist kein tiefgängiger Film. Es ist ein Film mit Message, doch die beschränkt sich auf ”Can’t we all just get along?”. Nach der PV unterhielt ich mich mit einem Kollegen, der den Film dafür lobte, dass er keine einfachen Antworten liefere, dass er auf eine einfache gut/böse-Einteilung der Seiten (Menschen vs. Affen) verzichtet. Das stimmt, doch wie US-Kollege Vince Mancini schreibt: “You only get credit for not offering easy answers if you actually ask a hard question”. Die Maxime, einfache Antworten zu vermeiden, halten Regisseur Matt Reeves und die Drehbuchautoren Mark Bomback, Rick Jaffa und Amanda Silver vor allem dadurch ein, dass sie sich in Allgemeinplätze flüchten und sich weigern, tatsächlich Stellung zu beziehen, tatsächlich irgendwas zu sagen, dem potentiell auch nur ein einziger Zuschauer widersprechen könnte – das ist nicht komplex oder, was weiß ich, fair and balanced, es ist nur feige, und es ist doppelt bitter, bedenkt man, dass die PLANET DER AFFEN-Reihe in der Vergangenheit nicht gerade mit klarer Positionierung hinterm Berg gehalten hat – mit der radikalen Misanthropie des Originalfilms muss man nicht übereinstimmen, aber immerhin bietet sie Angriffsfläche, man kann sich daran reiben, darüber diskutieren, sich darüber aufregen. DAWN OF THE PLANET OF THE APES will unbedingt ernst genommen und gehört werden, sagt dann aber nur “Krieg ist doof”, damit das Publikum diese revolutionäre Message abnicken kann und sich alle gemeinsam so fühlen dürfen, als hätten sie etwas Gutes getan.

Nun muss ein Film natürlich nichts Neues oder Tiefgreifendes oder Kontroverses oder überhaupt irgendetwas aussagen, um gut zu sein. Doch DAWN OF THE PLANET OF THE APES hat eben auch darüber hinaus nichts zu bieten. Die Story um einen Damm, der im Gebiet der Affen liegt und den eine kleine Gruppe von Menschen reparieren möchte, um ihre Stromversorgung zu sichern, ist uninteressant und offensichtlich nur ein Vehikel, um die besagte, dünne Message des Films zu transportieren. Die Charaktere sind eindimensional und starr, keiner von ihnen macht eine Entwicklung durch, für Ambivalenz ist kein Platz – was besonders bei Caesar (Andy Serkis), dem Anführer der Affen, ein Bisschen eklig ist, bietet der Film ihn doch durchgehend und kritiklos als good guy an, obwohl er von Anfang an im Grunde ein Diktator ist. Das Schauspiel ist auf Seite der Menschen entweder bis hin zur Karikatur übertrieben (Gary Oldman als einer der villains des Films) oder, ähm, nicht vorhanden (Hauptdarsteller Jason Clark). Auf Seite der Affen sieht es besser aus, sowohl Serkis als auch Toby Kebbell als der böse Affe Koba liefern gute Performances ab, allerdings steht ihnen das CGI im Weg – denn das ist zwar beeindruckend vom technischen Standpunkt aus, doch die Technik ist noch nicht so weit, dass man die Herkunft der Affen aus dem Rechner vergisst und sie als, naja, Affen statt als sehr beeindruckendes CGI wahrnimmt. Auch Reeves’ Inszenierung ist bestenfalls zweckdienlich, wirklich einprägsame Bilder findet er keine (selbst der Vorgänger hatte da im Finale mehr zu bieten) und in den unübersichtlichen Actionszenen fühlt man sich unangenehm an CLOVERFIELD erinnert.

Ganz ehrlich, ich bin mir nicht sicher, warum wir überhaupt über diesen Film reden. DAWN OF THE PLANET OF THE APES ist nur ein weiterer dieser hyperseriösen, humorlosen Blockbuster, von denen die Kinos in den letzten Jahren überschwemmt werden. Die dadurch, dass sie sich selbst wahnsinnig ernst nehmen, Tiefgang vortäuschen und damit letztlich nur zu kaschieren versuchen, dass sie nicht nur keine eigenen inhaltlichen oder inszenatorischen Ideen haben, sondern auch an ganz basalem Storytelling-Handwerk wie dem Etablieren halbwegs interessanter Charaktere scheitern2. Warum auf gerade diesen jetzt auch so viele kluge Kritiker reinfallen? Ich habe nicht die geringste Ahnung.

 

Kinostart: 07.08.2014

 


  1. Shakespeare doesn’t suck. For the record.  
  2. ungleich: bewusst darauf verzichten  

Wasting Away #20: Mister USB-Stick (JOHNNY MNEMONIC, 22 JUMP STREET, PLANET DER AFFEN)

Die 20. Folge Wasting Away ist hier, und nach der kompakten #19 gibt es diesmal eine Super Sized-Version unseres Podcasts,  mit neuen Streaming-Empfehlungen, Besprechungen zu 22 JUMP STREET und DAWN OF THE PLANET OF THE APES, sowie dem besten Nicolas Cage-Film, in dem Nicolas Cage nicht mitspielt: JOHNNY MNEMONIC.

Wenn euch der Podcast gefällt, freuen wir uns über eine Bewertung und/oder ein Review bei iTunes.

00:00:00 – Intro
00:06:00 – KITCHEN NIGHTMARES (ja, ernsthaft)
00:11:50 – MACHETE MAIDENS UNLEASHED
00:18:35 – ELAINE STRITCH: SHOOT ME
00:20:40 – LIFE ITSELF
00:34:35 – TUSK – Trailer
00:41:50 – 22 JUMP STREET
00:56:30 – PLANET DER AFFEN: REVOLUTION
01:35:40 – JOHNNY MNEMONIC

 

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JERSEY BOYS

Wenn man ein Film-Musical, oder einen Musikfilm, macht und sich dabei an existierendem Material bedient, dann ist das eine, was man gefälligst richtig zu machen hat, worauf man achten muss, bevor man sich mit irgendeinem anderen Aspekt des Films beschäftigt, die Inszenierung der Songs selbst – man muss zeigen, dass man die Musik liebt, versteht und verinnerlicht hat, man muss dem Publikum vermitteln, was gerade diese Songs besonders macht. Clint Eastwoods JERSEY BOYS, die Adaption des gleichnamigen Hitmusicals über die besonders in den 60ern erfolgreiche Popgruppe Frankie Valli and the Four Seasons, scheitert daran auf ganzer Linie: Aus einem, allen Reviews nach zu urteilen, mitreißenden, leidenschaftlichen Musical macht Eastwood ein aseptisches, in gedämpften Braun- und Grautönen gehaltenes Biopic, die Songs inszeniert er mit all der Grandezza, die man sonst von den Musikacts des ZDF Fernsehgarten kennt, und nie lässt er erkennen, dass ihm bewusst wäre, was die Four Seasons und Vallis Stimme so besonders machte.

Man könnte diesen Text also hier beenden – doch es ist Clint Eastwood, und auch, wenn der nicht unbedingt mein Lieblingsfilmemacher ist, hat er es doch verdient, dass wir zumindest versuchen zu verstehen, was genau er mit JERSEY BOYS versucht hat. Eine tatsächliche Überführung des Musicals auf die große Leinwand war es jedenfalls nicht.

Was, also, reizte Eastwood an der Geschichte der Four Seasons, wenn nicht die Musik? Zum Einen war es wohl die Mafia-Verbindung der Band: Gitarrist und (zunächst) Bandleader Tommy DeVito (Vincent Piazza) hat Beziehungen zu New Jerseys Mafia und auch sein Freund und späterer Sänger der Band, Frankie (John Lloyd Young), kann sich dem Einfluss von Don Gyp DeCarlo (Christopher Walken) nicht ganz entziehen. Das gibt Eastwood Gelegenheit, den Film mit einer GOODFELLAS-Hommage zu eröffnen und auch später immer wieder Szenen zu inszenieren, die eindeutig an Martin Scorseses Klassiker angelehnt sind – aber nie dessen Klasse, dessen Intensität, dessen Energie erreichen. Diese Mafia-Verbindung ist zum Anderen Auslöser für den Konflikt zwischen Tommy und Frankie, der später zum Bruch zwischen den beiden und der Auflösung der Band führen wird. Tommy ist derjenige, der Frankie “entdeckt”, ihn in seine Band holt und ihm damit den entscheidenden Schub für seine Gesangskarriere gibt – doch er ist auch derjenige, der Frankie (und die gesamte Band) zurückhält, der die Verbindung zur old neighbourhood nicht lösen kann und sich und seine Bandkollegen mit Glücksspiel und Geldanleihen von zwielichtigen Gestalten (fast) in den Ruin treibt. Im Grunde hat dieser Konflikt, diese Beziehung Potential als Stoff einer interessanten Geschichte, doch Eastwood verliert immer wieder den Fokus und löst sie letztlich in einer Szene auf eine Weise auf, die, so scheint es, weniger dazu dient, den Zuschauer mitfühlen zu lassen, als dazu, Valli (der einen Executive Producer-Credit hat) als geradezu engelsgleichen Wohltäter dastehen zu lassen.

Davon ab ist JERSEY BOYS Biopic-Stangenware: Es geht um Aufstieg und Fall, rags-to-riches, die Verlockungen des Ruhms und den Effekt, den eine Künstlerkarriere auf das Privatleben haben kann. Doch diese Geschichte haben so viele Filme, von ALMOST FAMOUS bis WALK THE LINE, besser und mit größerem Interesse für die (fiktiven oder realen) Künstler und die Menschen dahinter erzählt. Tatsächlich ist Eastwoods Storytelling, basierend auf einem Drehbuch der Autoren des Original-Musicals, Marshall Brickman und Rick Elice, nicht nur unmotiviert, sondern teils erschreckend inkompetent: Das Brechen der vierten Wand, wenn die vier Mitglieder der Band direkt in die Kamera sprechen, soll theoretisch verschiedene Erzählperspektiven signalisieren, doch JERSEY BOYS hat eigentlich gar keine Perspektive, bleibt zu jeder Figur auf Distanz, sodass das ohnehin nur sporadisch, an gefühlt zufälligen Punkten eingesetzte In-die-Kamera-Sprechen der Figuren in mir vor allem den Impuls auslöste, “Show, don’t tell!” Richtung Leindwand zu rufen; Zeitsprünge werden auf eine Weise eingesetzt, die weniger gezielt wirkt als eher so, als hätte Eastwood schlicht noch ein paar Details vergessen, die er auf diese Weise nachliefern möchte; Charaktere, wichtige Charaktere wie Vallis Frau und seine Tochter, werden viel zu spät und aus dem Nichts eingeführt (bzw. nicht eingeführt – es wird unberechtigter Weise davon ausgegangen, dass wir die Figuren schon kennen), nur um dann, z.B., Minuten später zu sterben, sodass die daraus resultierenden “emotionalen” Momente unverdient wirken und nicht ihren gewünschten Effekt erreichen.

Vielleicht das Deprimierendste: Die eine echte Musical-Nummer des Films, über die der Abspann läuft, ist vielleicht nicht die mitreißendste Musical-Szene der Filmgeschichte, aber doch das klare Highlight des Films, sie wirkt so viel lebendiger als alles, was wir zuvor gesehen haben. JERSEY BOYS ist ein erschreckend blutleerer, unkonzentrierter, motivationsloser Film, der dem verdienten, kompetenten Filmemacher namens Clint Eastwood nicht gerecht wird – böse könnte man sagen, dass man beim Schauen das Gefühl hat, dass dieser hier gar nicht am Werk war, sondern der verwirrte alte Mann, der damals mit einem Stuhl gesprochen hat.

 

Kinostart: 31.07.2014

Rumors of the spoof movie’s death have been greatly exaggerated: 22 JUMP STREET & THEY CAME TOGETHER

Es wäre interessant zu wissen, an welchem Punkt im langen, komplizierten Entwicklungsprozess eines Hollywood-Franchise für gewöhnlich die Entscheidung fällt, Phil Lord und Christopher Miller mit der Realisierung des Projekts zu beauftragen. In meiner Vorstellung traut sich irgendwann, in irgendeinem Sitzungsraum voll mit big shot Executives ein Praktikant oder ein Assistent zwischen zwei Gängen zur Kaffeemaschine, seine Stimme zu erheben und zu sagen, “Wir wissen aber schon alle, dass das hier eine grund-doofe Idee ist, oder?” und dann sind erstmal alle im Raum empört, bis der “Biggest Shot” irgendwas wie “Let him speak.” sagt und alle werden still und der Praktikant oder Assistent führt aus, dass doch niemand ernsthaft glauben kann, dass die Verfilmung eines Kinderbuches, das nichtmal Charaktere hat oder ein Reboot einer 80er-Jahre-Serie, die schon damals cheesy wirkte oder ein abendfüllender Werbeclip für Plastikklötze eine gute Idee ist. Und dann ist kurz betretene Stille und es schauen alle gebannt den Biggest Shot an und der seufzt und sagt zum Praktikanten oder Assistenten, “Ruf Lord und Miller an.”

Und dann kommen Phil Lord und Christopher Miller und machen aus den schlechtesten Ideen Hollywoods die besten Filme, die dem Blockbuster-Kino in den letzten Jahren passiert sind. Den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere markierte der ebenfalls dieses Jahr erschienene THE LEGO MOVIE, den ich ohne Übertreibung als Meisterwerk bezeichnen würde. 22 JUMP STREET ist im Vergleich dazu eine Fingerübung, doch er zeigt, wie sehr Lord und Miller ihre Art des Blockbuster-Kinos mittlerweile perfektioniert haben, wie sie aus ihrem Genie Routine gemacht haben und so selbst das müdeste, uninspirierteste “Genre”, das es gibt, das Comedy-Sequel, frisch und neu erscheinen lassen können. Ja, man könnte gar glaubhaft argumentieren, dass 22 JUMP STREET das beste Comedy-Sequel der Filmgeschichte ist.

Der Film funktioniert, weil Lord und Miller die Meta-Ebene, die im ersten Teil bereits vorhanden, aber größtenteils doch eher Subtext war, hier in den Vordergrund rücken, bis zu dem Punkt, an dem 22 JUMP STREET zum Spoof-Movie für Sequels aller Art wird. Der Plot ist identisch zu dem des Vorgängers, mit dem einzigen Unterschied, dass Schmidt (Jonah Hill) und Jenko (Channing Tatum) diesmal im College statt in der High School undercover ermitteln, um die Quelle einer neuen, gefährlichen Droge zu finden. Dies – die Ähnlichkeit im Verlauf der Ermittlungen – ist Anlass für unzählige Witze, angefangen mit Nick Offermans Police Captain, der Jenko und Schmidt im Briefing für ihre Mission anweist, es “genau so wie beim letzten Mal” zu machen. Immer wieder benennen Figuren genau das, was uns Filmfans an Sequels stört, und irgendwie ist es jedes Mal aufs Neue lustig, wenn sich die Charaktere innerhalb der Handlung explizit beschweren, wie vorhersehbar der Fall ist oder dass eine solche Ermittlung beim zweiten Mal nie so gut ist wie beim ersten.

Die andere wichtige Quelle für den Humor im Film ist erneut die Beziehung zwischen Schmidt und Jenko, und hier ist die starke Betonung der Meta-Ebene ein zwiespältigeres Vergnügen. Erneut ist die Beziehung ein Vehikel für diverse Referenzen auf den homoerotischen Subtext von Buddy Cop-Movies, und erneut macht das eine Menge Spaß, besonders, wenn Schmidt mit dem Footballer Zook (Wyatt Russell) einen Nebenbuhler um Jenkos, ähm, Liebe bekommt (inklusive explizit benanntem meet cute), was zu von Jonah Hill grandios gespielter Eifersucht seitens Schmidt und von Tatum mit wunderbarer Naivität intonierten Zeilen wie “Maybe we should investigate other people” führt. Doch was dieses Mal fehlt, ist die Verwurzelung solcher Momente in authentischen Gefühlen der beiden Figuren zueinander – die Beziehung ist nur Meta-Ebene, das durchaus berührend-romantische, das sie im ersten Teil hatte, fehlt hier, ob bewusst oder unbewusst. Nach wie vor funktioniert das ganze als smarte Dekonstruktion von Buddy Movie-Klischees und stellenweise auch als Herausforderung des mit jeder Menge gross out-Humor auch dieses Mal wieder bedienten Fratboy-Publikums und dessen (unterstellter) Homophobie, doch der erste Teil und, um noch eine Nummer höher zu greifen, Edgar Wrights HOT FUZZ haben gezeigt, dass dies nicht auf Kosten der Involviertheit und des Mitfühlens des Zuschauers gehen muss – wenn überhaupt funktionierte zumindest das Homoerotische noch eine Nummer besser im ersten Teil, denn wenn die Beziehung wie hier wirklich gar nicht ernst genommen wird, ist es, obwohl 100% und für kluge Zuschauer sofort erkennbar nicht so intendiert von Lord und Miller, für die weniger sympathischen Zeitgenossen im Publikum durchaus möglich, das Ganze als “Haha, die sind ja schwul! Voll bäh!”-Witz zu sehen, was im ersten Teil kaum und definitiv nicht in HOT FUZZ möglich war.

Auch Schmidt neues Love Interest, Studentin Maya (Amber Stevens) leidet unter der starken Betonung der Meta-Ebene, denn anders als Brie Larsons Figur im ersten Teil wird sie nie zum eigenständigen, lebendigen Charakter, sondern bleibt rein funktional, ein McGuffin, damit Schmidt einen der villains, Mayas Mitbewohnerin Mercedes (brillant: Jillian Bell) kennenlernen kann, und ein Setup für einige zugegeben sehr witzige Szenen, wenn ihr Vater (Ice Cube), der rein zufällig Schmidt und Jenkos Vorgesetzter bei ihrer Mission ist, von Schmidts Beziehung zu seiner Tochter erfährt. Mayas Subplot bekommt auch kein richtiges Ende, sondern verläuft einfach irgendwo im Sand, was angesichts der Tatsache, dass er ohnehin nie wirklich involvierend war, nicht so schlimm ist, aber noch einmal zeigt, wie wenig Interesse Lord und Miller und die Autoren Michael Bacall, Oren Uziell, Rodney Rothman und, ja, Jonah Hill (Story-Credit) daran hatten, eine tatsächlich interessante, unabhängig von der Meta-Ebene funktionierende Geschichte zu erzählen.

22 JUMP STREET funktioniert daher “nur” als Spoof-Movie und so richtig auch nur, wenn man den ersten Teil gesehen hat. Das macht ihn zum schwächeren der beiden Filme, aber auf dem Niveau, auf dem Lord und Miller agieren, ist auch das noch einer der besten Mainstream-Filme und vielleicht die lustigste Komödie des Jahres. Lord und Miller legen ein derartiges Tempo vor, fahren eine derartige Dichte an treffsicheren Gags auf, dass die fehlende emotionale Involviertheit im Grunde erst nachträglich und im direkten Vergleich mit dem Vorgänger auffällt – für sich genommen funktioniert 22 JUMP STREET perfekt, erreicht genau das, was er erreichen will. Dass dabei oft viele Gags übereinander geschichtet werden – Genre-Dekonstruktion in Popkultur-Referenz in gross out-Witz – dürfte außerdem dafür sorgen, dass 22 JUMP STREET auch mehrfachen Sichtungen standhält, ja, sie vielleicht sogar belohnt.

 

Kinostart: 31. Juli 2014


THEY CAME TOGETHER ist nicht ganz so gut wie 22 JUMP STREET – der Film ist auf den VOD-Plattformen, auf denen er in den USA zeitgleich mit einem (limitierten) Kinostart veröffentlicht wurde, gut aufgehoben – , doch es ist ein weiterer Film, den man gleichzeitig als “Spoof-Movie” und als “lustig” bezeichnen kann, was heutzutage ja eine echte Seltenheit ist.

Der Film von David Wain (WET HOT AMERICAN SUMMER) und mit Amy Poehler und Paul Rudd in den Hauptrollen ist eine Parodie auf Romantic Comedies, ein weiteres Genre, das einst großartige Filme hervorgebracht hat, dessen bloße Nennung heute aber Würgreflexe bei Filmfans auslöst. Eine Parodie dieses Genres ist daher genau die Sorte Film, die wir gerade brauchen, und entsprechend freute ich mich nach dem Trailer und angesichts des Regisseurs und der Besetzung auf den Film. Als ich ihn dann am Releasetag (der zufällig auf dasselbe Datum wie die PV zu 22 JUMP STREET fiel) gesehen habe, war ich zunächst ein Bisschen enttäuscht: Die Filme, auf die Wain und co. hier explizit verweisen, sind nicht die modernen, furchtbaren Romantic Comedies der Katherine Heigl-Schule, sondern die der 80er und 90er, insbesondere die aus der Feder von Nora Ephron – also die Romantic Comedies, die tatsächlich gut waren. Entsprechend ist THEY CAME TOGETHER eine wesentlich liebevollere, weniger angriffslustige Parodie als ich erwartet hatte, was nicht schlimm ist, den Film aber auch weniger relevant macht.

Doch nachdem diese – kleine – Enttäuschung verkraftet war, hatte ich großen Spaß mit THEY CAME TOGETHER. Der Film steht in der Tradition der großen ZAZ-Parodien und gefällt sich in seiner konsequenten, ununterbrochenen Albernheit – keine einzige Szene wird straight gespielt, keine Gelegenheit ausgelassen, noch einen großartig-dummen Witz zu machen. Es gibt ungefähr eine Million Szenen, in der das (nicht nur) RomCom-Klischee, dass Charaktere sich im Weggehen noch eine letzte Weisheit mit auf den Weg geben (“Wait, one more thing.” – “What?” – “Be careful!”) parodiert wird und meine Reaktion darauf entwickelte sich von anfänglichem Schmunzeln über genervtes Aufstöhnen zu lautem, unkontrollierbarem Lachen – die kindliche Freude, mit der sich der ziemlich unglaubliche Cast (ich wüsste nichtmal, wo ich anfangen soll, die Beteiligten aufzulisten) in die herrliche Doofheit dieses Films wirft, ist ansteckend und bald fühlte ich mich zurückversetzt zu einem dieser Sonntagnachmittage in meiner Kindheit, an denen ich NAKED GUN oder AIRPLANE! auf Kabel 1 geguckt habe. THEY CAME TOGETHER ist kein Film für jeden, sondern den ausgewählten Teil des Publikums, der sowohl klassische Romantic Comedies als auch Spoof Movies liebt. Innerhalb dieser Gruppe hat er allerdings das Zeug zum Kult, denn es ist die Sorte Film, dessen Witze sich im Gedächtnis festsetzen und darauf warten, bei der nächsten “richtigen” RomCom zitiert zu werden. Ich jedenfalls werde nie wieder eine New Yorker Skyline sehen können, ohne in einen Monolog über New York, das ja selbst ein eigener Charakter in der Story ist, zu verfallen.

 

Jetzt auf (amerikanischen) VOD-Plattformen erhältlich, Kinostart / Deutschland-Release unbekannt.

MARRIED / YOU’RE THE WORST (neue FX-Serien)

Wir befinden uns in dieser entbehrungsreichen Phase des Jahres, die Seriennerds als “Midseason” bekannt ist, ansonsten aber zum Beispiel auch “Sommerloch” genannt wird. Es ist diese Zeit, in der ich, die Ansprüche vom Fernsehentzug gesenkt, zweit- und drittklassige Serien, die ich bisher ignoriert habe, nachhole, und von den wenigen Serien, die dann doch das Pech haben, in dieser ungünstigen Zeit ihre Erstausstrahlung zu feiern, so ziemlich allen eine Chance gebe, auch, wenn sie im Grunde total uninteressant klingen. Und manchmal – nicht oft, aber oft genug, um es immer wieder zu versuchen – erlebt man so tatsächlich eine positive Überraschung, eine Serie, die auch außerhalb der Midseason bestehen könnte.

Dieses Jahr hat der Sender FX (of LOUIE-fame) gleich zwei solcher Serien zu bieten: MARRIED und YOU’RE THE WORST laufen donnerstags im Doppelpack, und das ist kein Zufall, denn thematisch bzw. vom Konzept her verfolgen beide einen ähnlichen Ansatz, nämlich ausgelutschten (Romantic-)Sitcom-Storylines einen edgy Twist zu geben, sie (zaghaft) zu dekonstruieren und im besten Fall aus ihrem altbackenen Rahmen neue Einsichten über romantische Beziehungen zu gewinnen. Im Ergebnis kommt, soweit man es nach den jeweils ersten zwei Folgen beurteilen kann, in beiden Fällen eine unterhaltsame, sehenswerte Serie dabei raus, jedoch ist MARRIED sowohl konsequenter in der Verfolgung dieses Konzeptes als auch subtiler, was es zur besseren Show macht, allerdings auch dafür sorgen könnte, dass – you’ve heard it here first – die Serie schnell wieder abgesetzt wird.

YOU’RE THE WORST ist lauter, flashier, die Hauptdarsteller jünger, weswegen ich der Serie größere Chance zugestehe. Es geht um Jimmy (Chris Geere) und Gretchen (Aya Cash), zwei Borderline-Soziopathen, die sich auf der Hochzeit einer gemeinsamen Freundin kennen und hassen lernen, dennoch miteinander im Bett landen und sich dann doch weiter zueinander hingezogen fühlen. Tatsächlich ist die Serie konventioneller, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint, sie folgt letztlich im weitesten Sinne klassischen RomCom-Beats, nur dass die beiden Hauptfiguren eben nicht liebenswert und tollpatschig sind, sondern garstig und egozentrisch und (eigentlich) nicht zu authentischen Beziehungen fähig (aber, unter dieser Oberfläche, natürlich wiederum voller Unsicherheit und Selbsthass und dem Bedürfnis nach Nähe). Das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller trägt die Serie, die Chemie stimmt und besonders Aya Cash spielt hervorragend. Es macht Spaß, zu sehen, wie die beiden gegenüber anderen Menschen ganz ungeniert ihre Misanthropie ausleben und es ist erstaunlich berührend, wenn sie allein miteinander sind und die Wände, die sie aufgebaut haben, vielleicht nicht einreißen, aber zumindest mal einen Blick darüber werfen. Und hin und wieder überrascht die Serie, wenn sie dann doch mal einen erwarteten Plot-Point auslässt oder einen anderen Weg geht als erwartet (in der zweiten Folge beispielsweise steuert alles auf eine große, laute Konfrontation in der Öffentlichkeit hin, auf die allerdings zugunsten eines subtilen, wesentlich effektiveren Austausch von halb passiv-aggressiven, halb hilferufenden Sticheleien verzichtet wird). Wie lange das ganze funktionieren kann, bedenkt man, dass man schon jetzt das Gefühl hat, alles über die Charaktere zu wissen, bleibt abzuwarten, aber die bisherigen Folgen machen Spaß und allein für die Darsteller lohnt es, der Serie zumindest eine Chance zu geben.

Die Prämisse von MARRIED ist im Sitcom-Genre tatsächlich noch breitgetrener als die von YOU’RE THE WORST: Die Serie folgt einem Paar in ihren 40ern, aus deren Ehe nach Jahren des Zusammenlebens und drei Kindern langsam die Luft zu entfleuchen droht, was der Plot von ungefähr 86% aller Sitcoms der 80er und 90er Jahre ist. Doch in einigen entscheidenden Aspekten unterscheidet sich MARRIED von solcher Stangenware: Zuerst einmal werden die Protagonisten nicht von der üblichen “lustiger”-dicker-Schauspieler-und-egal-hübsche-Schauspielerin gespielt, sondern von Nat Faxon und Judi Greer. Die beiden sind nicht nur großartige Schauspieler, sondern auch glaubhaft als Paar (dass beide seit vielen Jahren in bester Freund- oder Comic Relief-Rollen gecastet und selten als Hauptdarsteller zu sehen sind, gibt dem Ganzen sogar noch einen interessanten Subtext – this is the sound of settling).

Der zweite, wichtigere Unterschied, der MARRIED vom Sitcom-Einheitsbrei absetzt, ist, dass Creator Andrew Gurland und seine Autoren tatsächliches Interesse daran haben, die Feinheiten und Probleme und, insbesondere, die Enttäuschungen ehelichen Zusammenlebens (und des Erwachsenseins generell) zu erkunden, und dafür auch nicht davor zurückschrecken, in ihrer Sitcom auch düsterere Töne anzuschlagen – stellenweise ist MARRIED geradezu deprimierend, wenn auch dabei weiterhin ziemlich komisch. Der Ansatzpunkt sind dabei oft Standard-Sitcom-Situationen: Der Konflikt im Piloten ist ganz klassisch: Faxons Russ ist frustriert über das eingeschlafene Sexleben, seine Frau, Greers Lina, ist ermüdet von der Arbeit mit den gemeinsamen Kindern und lacht nur über seine Versuche, wieder Leidenschaft in ihre Beziehung zu bringen. Doch wenn Lina Russ sagt, er solle sich doch anderswo Befriedigung verschaffen, ist das kein Witz oder Setup für irgendein wacky Missverständnis, sondern stellt tatsächlich die Frage, ob Russ’ und Linas Ehe seine Untreue überleben könnte, vielleicht sogar braucht – und der zu Grunde liegende Konflikt ist am Ende der Folge auch nicht sauber aufgelöst, lediglich aufgeschoben.

Was außerdem positiv an MARRIED auffällt, ist wie lebendig, wie durchdacht die kleine Welt der Show, der Mikrokosmos um Russ und Lina schon jetzt wirkt. Die Nebencharaktere sind von Anfang an interessant, füllen, anders als die von YOU’RE THE WORST, klar definierte Funktionen aus, und sind mit Comedians wie Brett Gelman und dem – you’ve heard this here first, too – zukünftigen Megastar Jenny Slate auch hervorragend besetzt. Und obwohl auf allzu viel Exposition und Backstory verzichtet wird, offenbaren sich in den Dialogen doch immer wieder kleine Puzzleteile, aus denen man sich nach und nach ein Bild von den Beziehungen der Figuren und ihrer gemeinsamen Vergangenheit machen kann.

Das alles wird in einem so unaufgeregten wie intimen Look präsentiert. Die zweite Folge (und weitere der Staffel) wurde von Jesse Peretz inszeniert, einer von Lena Dunhams Haus- und Hofregisseuren bei GIRLS, was eine ungefähre Vorstellung vom Look & Feel der Serie geben dürfte.

So, yeah: Sowohl MARRIED als auch YOU’RE THE WORST sind Serien, in die es sich lohnt, reinzugucken, und die hervorragend als companion pieces füreinander funktionieren. Doch während YOU’RE THE WORST, obwohl erfolgsversprechender, für mich eher nice to have ist, wäre MARRIED die Serie, um die ich traurig wäre, sollte sie tatsächlich nicht allzu lange durchhalten – und sei es nur, weil die ewige beste Freundin und wacky sidekick Judy Greer hier endlich die verdiente Hauptrolle spielen darf.

Bryan Lee O’Malleys SECONDS

Ist es Zufall oder schon ein kleiner Trend, dass gleich zwei Künstler in ihren jeweils aktuellen Werken Kochen als Allegorie für ihre jeweilige Karriere-Situation verwenden? Da ist Jon Favreaus CHEF, in dem er sich selbst als Koch eines erfolgreichen Restaurants castet, der, nachdem er seiner Frustration, per Auflage seines Chefs jeden Tag dasselbe Menü kochen zu müssen, in einem Wutanfall Luft gemacht hat, gefeuert wird und daraufhin in einem kleinen food truck, inkl. grass roots Twitter-Kampagne, durch Amerika tourt – eine offensichtliche Allegorie auf Favreaus eigene Frustration mit dem Blockbuster- und seine Rückkehr, in Form dieses Films, zum Independent-Kino; und jetzt ist da noch Bryan Lee O’Malleys SECONDS: originalDie Geschichte über die junge Köchin Katie, die im von ihr mitgegründeten Restaurant Seconds eigentlich nur noch die Zeit aussitzt, bis endlich die Location ihres neuen, schöneren Restaurants renoviert ist, lässt sich als Allegorie lesen auf O’Malleys in den letzten Jahren immer wieder in Interviews geäußertes Bedürfnis, nach seiner immens erfolgreichen und kultisch verehrten SCOTT PILGRIM-Reihe etwas Neues zu beginnen, um nicht für immer als SCOTT PILGRIM-guy” bekannt zu sein.

SCOTT PILGRIM spielte, die älteren unter euch1 werden sich vielleicht erinnern, eine wichtige Rolle in meinem Leben, doch nicht nur bei mir hat O’Malley mit der zwischen 2004 und 2010 veröffentlichten Comic-Reihe einen popkulturellen Nerv getroffen. In einer Zeit, in der “Retro” der Trend in der Indie-Game-Szene ist und gefühlt 76% des Internets der 90er-Nostalgie gewidmet sind2, könnte eine Comic-Reihe, die eine mit 80er- und 90er-Videospiel-Referenzen gespickte Geschichte über einen im Limbo der verlängerten Adoleszenz festsitzenden Protagonisten erzählt, im Grunde auch das Produkt langwieriger focus group-basierter Erforschung der Zielgruppe sein. Dass SCOTT PILGRIM genau das nicht war, dass die Videospiel-Referenzen a) spürbar auf O’Malleys eigener Sozialisation beruhten und eher zufällig den kulturellen Zeitgeist trafen und b) nur ein Aspekt der sorgfältigen, vielschichtigen Charakterisierung der Figuren und damit stets der Geschichte untergeordnet waren, ist gar nicht mal so vielen Lesern der Comics (geschweige denn Zuschauern von Edgar Wrights brillanter Verfilmung, die nicht selten fälschlicherweise als bloßes Fanboy-Futter für unreife Nerds charakterisiert wurde) bewusst, auch, wenn es natürlich ein wesentlicher Grund für den Erfolg der Reihe ist.

In SECONDS verzichtet O’Malley, wie es zu erwarten war, auf alle offensichtlichen selling points von SCOTT PILGRIM: Es gibt keine zitierbaren, larger-than-life Nebencharaktere, keine Meme-fertigen Ideen wie die Vegan Police und keine expliziten Videospielreferenzen – wobei Katies Geschichte schon bald eine übernatürliche Wendung nimmt, als sie mit Hilfe von magischen Pilzen die Zeit zurückdrehen und eigene Fehler rückgängig machen kann. Ja, Pilze geben Katie neue Leben – aber wie gesagt, keine expliziten Videospiel-Referenzen. Das Setting, mit seinen malerischen, altmodischen Locations, ist entrückter und “uncooler” als die Welt von SCOTT PILGRIM mit seinen fancy-abgefuckten Indie-Musikclubs und Plattenläden und Hipstercafés. SECONDS scheint, zumindest oberflächlich betrachtet, designt zu sein um Hardcore-SCOTT PILGRIM-Fans erstmal abzuschrecken, es ist demonstrativ erwachsener, leiser, unaufdringlicher als O’Malleys Kultreihe.

 
seconds-preview1Doch wer unter die Oberfläche schaut, der findet all das, was SCOTT PILGRIM wirklich gut gemacht hat, auch in SECONDS. Allem voran die erneut großartig gezeichneten (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne) Charaktere, angefangen mit Katie selbst: Mir fällt kein anderer Autor, in keinem Medium, ein, der diese bestimmte Art von fehlerbehafteten, aber doch liebenswerten Protagonisten schreibt, die O’Malley hier mit Katie erneut erschaffen hat. Wie Scott ist Katie ich-bezogen, ungeduldig, manchmal unreif, (scheinbar) gefangen in einer Welt zwischen ihrer Jugend und dem nächsten Schritt Richtung erwachsen werden (auch, wenn sie immerhin ein Bisschen weiter – und ein paar Jahre älter – als Scott ist, trägt sie doch immerhin die Verantwortung als Küchenchefin des Restaurants). Doch wie bei Scott sind diese Schwächen in Katies Charakter und die Fehler, die sie im Laufe der Handlung macht, nicht abstoßend, sondern nachvollziehbar, denn O’Malley verwurzelt sie glaubhaft in Katies Existenzangst und Selbstzweifeln, er zwingt uns geradezu, uns in Katie wiederzufinden, statt über sie zu urteilen. Auch die Nebencharaktere, von Katies Exfreund Max über ihren Nachfolger als Koch ihres alten Restaurants/Affäre Andrew bis hin zu Hazel, einer feenhaften Kellnerin des Restaurants, mit der Katie sich anfreundet, sind interessant und vielschichtig und könnten alle Protagonist ihres eigenen Comics sein. Die Entwicklung von Katies Freundschaft zu Hazel ist wohl das emotionale Zentrum des Comics: Hazel ist ein Weirdo, von den anderen Kellnerinnen abgelehnt und von Katie, bis dahin, ignoriert. Katie nähert sich ihr zunächst (scheinbar?) aus egoistischen Gründen an (Hazel offenbart Interesse an/Wissen über Hausgeister, von denen einer Katie Zugang zu den erwähnten magischen Pilzen gewährt hat (das wiederum nachdem Hazel einen Unfall mit heißem Fett hatte, den Katie so rückgängig machen kann), doch es entwickelt sich eine zärtliche, glaubhafte Freundschaft, an der beide wachsen und die ein entscheidender Schritt auf Katies Weg zu einem reiferen, weniger egozentrischen Menschen ist. Diese Freundschaft fungiert auch als Gegengewicht zu den nicht immer angenehmen Entwicklungen, die Katies zunehmender Missbrauch der Magic Mushrooms verursacht. O’Malley ist bedacht darauf, zu zeigen, dass mit zunehmendem Alter auch die Konsequenzen, die rücksichtsloses oder unbedachtes Verhalten mit sich bringt, mehr Gewicht bekommen als es solches Verhalten zum Beispiel für Scott Pilgrim hatte, und streckenweise legt SECONDS eine Düsternis an den Tag, seconds-preview2die in SCOTT PILGRIM schwer vorstellbar gewesen wäre. Auf der anderen Seite steht aber weiterhin O’Malleys Verspieltheit, sein zwar spärlicher eingesetzter, aber dennoch treffsicherer Humor (inkl. einem Callback samt Entschuldigung zu einem der bekanntesten Witze aus SCOTT PILGRIM), die Niedlichkeit seiner Zeichnungen.

Überhaupt, die Zeichnungen: Die Entwicklung, die O’Malley als Zeichner seit dem letzten SCOTT PILGRIM-Band gemacht hat, ist beeindruckend. Sein Stil ist derselbe unverkennbare Mix aus Manga- und Comic-Einflüssen, doch die Hintergründe sind detaillierter geworden, die Figuren ausdrucksstärker. Es gibt einige Panoramaseiten in SECONDS wie eine Übersicht über die Küche von Katies Restaurant, in deren Detailreichtum man sich verlieren kann, wie es bei SCOTT PILGRIM nie möglich war. Die Kolorierung von Nathan Fairbairn, der auch für die der laufenden SCOTT PILGRIM-Neuveröffentlichung verantwortlich ist, trägt weiter dazu bei, dass es eine Freude ist, die Panels von SECONDS zu betrachten und unterstützt, mit ihren Kontrasten zwischen warmen Rottönen in Traumsequenzen und kaltem Blau, wenn Katie (mal wieder) aus ihren Träumen erwacht und die Konsequenzen der letzten “Korrekturen” ihrer Fehler tragen muss, O’Malley auch erzählerisch.

O’Malley ist hier kein zweiter Kulthit gelungen – aller Wahrscheinlichkeit nach wird er auch weiterhin der SCOTT PILGRIM-guy” bleiben. In SECONDS geht es unter anderem aber eben auch darum, wie er lernte, mit genau diesem Ruf klarzukommen, und wohl deshalb fühlt es sich, trotz dem Fehlen offensichtlicher Referenzen an seine eigene Jugend als Videospiel-besessener Nerd in Toronto, genauso persönlich und ehrlich an wie SCOTT PILGRIM. So manchen SCOTT PILGRIM-Fan wird SECONDS dennoch enttäuschen – allerdings nur die, die beides nur oberflächlich gelesen haben. SECONDS zeigt O’Malley als gereiften Künstler, der hier ganz bewusst seine Vielseitigkeit unter Beweis stellen will, setzt thematisch gleichzeitig jedoch da an, wo SCOTT PILGRIM aufgehört hat, führt dessen Ideen fort und vertieft sie.


  1. Leser meines alten Blogs  
  2. nicht selten von Menschen, die sich wenn überhaupt nur vage an die 90er erinnern können  

Monty Python Live (mostly)

Morgen findet die letzte der Reunion-Shows von Monty Python in der Londoner O2-Arena statt. Das ganze wird live auf Arte Concert übertragen, irgendwann gibt es auch noch eine Ausstrahlung im TV-Programm des Senders mit deutschen Untertiteln. Ich hab mal aufgeschrieben, wie es bei der Live-Show war.

So sehr ich mich auch darauf gefreut habe, Monty Python in der Londoner O2-Arena live zu erleben — und ich glaube nicht, dass ich jemals in meinem Leben einem Ereignis so entgegengefiebert habe, außer vielleicht dem einen Weihnachten als Kind, zu dem ich mir einen Nintendo 64 gewünscht hatte — : Weder meine Erwartungen noch meine Ansprüche waren besonders groß. Ein Best of der klassischen Python-Sketche, vielleicht ein, zwei neue Songs von Eric Idle, viel mehr hatte ich gar nicht erwartet — im Grunde eine Wiederaufführung von Monty Python Live at the Hollywood Bowl.

Doch Monty Python Live (mostly) ist mehr als das. Natürlich erfinden Python sich nicht neu und natürlich dominiert klassisches Material, doch die Inszenierung und Überraschungen machen die Show zu mehr als “nur” der Live-Version einer Greatest Hits-Compilation.

Zu verdanken ist das wahrscheinlich zu großen Teilen Eric Idle. In den letzten Jahren haftete ihm ein wenig der Ruf der Geldmacherei an (woran vermutlich in erster Linie John Cleese Schuld ist), und tatsächlich war Idle immer derjenige, der seine Projekte am großzügigsten mit der “Marke” Monty Python bewarb. Nur waren diese Projekte — zumindest die, die ich gesehen habe — dieser Marke eben auch durchaus würdig: das Musical Spamalot und vor allem He’s not the Messiah (He’s a Very Naughty Boy), ein Oratorium basierend auf Life of Brian, waren großartige Produktionen, die sowohl als Adaption des klassischen Python-Materials als auch als eigenständige Werke bestehen können.

Insofern macht es nur Sinn, dass Idle der klare Drahtzieher der Python-Reunion ist. Er ist der Regisseur der Show, sein langjähriger musikalischer Partner John du Prez der musikalische Leiter, und die Handschrift der beiden ist in der ganzen Show zu spüren — auf sehr positive Weise: Musik spielte schon immer eine wichtige Rolle bei Python, doch noch nie wurde sie mit solchen Production Values präsentiert: Ein Orchester plus Chor sowie eine Menge großartiger Tänzer lassen die altbekannten Songs in neuem, spektakulärem Licht erstrahlen, was gerade bei den weniger ikonischen Songs erstaunlich gut funktioniert — Sit on my Face und der Penis Song (inkl. neuen Strophen über Ärsche und Vaginas. #equality.) sind noch lustiger, wenn sie von einer zig-köpfigen Gruppe blutjungen Tänzer_innen performt werden. Die Musical-Elemente helfen auch dabei, die ein oder andere “Schwäche” der Pythons auszubügeln: Wir wussten im Voraus, dass John Cleese aufgrund seines künstlichen Hüftgelenkes den Silly Walk nicht mehr performen kann, doch dank der besten Choreographie der Show, zum tollen, neuen Silly Walk Song, ist das Ministry of Silly Walks dennoch eins der großen Highlights des Abends.

Die Musik erfüllt, in Kombination mit Clips aus der originalen TV-Show und Terry Gilliams Animationen (sowohl klassischen Cut-Up-Sequenzen als auch Computer-Animation, die sich sehr gut in den Gesamtstil einfügt, kommen zum Einsatz), noch eine weitere, noch wichtigere Rolle für die Show: Mit Hilfe dieser Elemente rekreieren Idle und co. das Feeling der alten TV-Show – den stream of consciousness, der eine Folge als ein Gesamtwerk statt einer bloßen Ansammlung von Sketchen ohne größeren Zusammenhang erschienen ließ. Wie damals im Fernsehen ist auch bei der neuen Live-Show nicht immer sofort ersichtlich, wo ein Sketch aufhört und der nächste beginnt, was dem Humor der Pythons und ihrer Art, Sketche zu strukturieren nur zu Gute kommt, denn bekanntlich haben viele ihrer Sketche gar kein richtiges Ende, geschweige denn eine klassische Pointe.1

Was gelegentlich kritisiert wurde – dass immer wieder für längere Zeitspannen (i.e. die Dauer eines Songs, z.B.) keiner der Pythons selbst auf der Bühne steht – ist meiner Meinung nach also eher notwendig für das Gelingen der Show als Gesamtwerk – zumal es nicht auf Kosten des eigentlichen Sketch-Materials geht: Mir fällt eigentlich kein klassischer Sketch ein, der in der Show “fehlte” – letztlich werden nur die Kostümwechsel mit Musicalnummern und Clips überbrückt, was vielleicht stört, wenn man wirklich nur da ist, um die Pythons auf der Bühne zu sehen, wenn man aber Interesse an einer wirklich guten, durchkonzeptionierten Show hat, nur positiv ins Gewicht fallen kann.

Eine Überraschung allerdings war für mich noch erfreulicher: Hätte man mich vor der Show gefragt, welcher der Pythons am wenigsten Lust auf die Reunion hat, ich hätte ohne zu Zögern John Cleese genannt. Cleese war derjenige, der sich jahrelang gegen eine Reunion sperrte (und, wie erwähnt, zeitweise mit Eric Idle aufgrund dessen Nutzung des Python-Namens zerstritten war), Cleese war derjenige, der damals als erster ausstieg und überhaupt, hat John Cleese eigentlich auf irgendwas, was er tut, tatsächlich Lust? Tatsächlich habe ich Cleese jedoch wohl nie so sichtbar spielfreudig erlebt wie an diesem Abend (und ich gehe davon aus, dass man für die anderen Abende ähnliches sagen konnte), er warf sich mit Verve in jede einzelne seiner Rollen und bewies, dass er noch immer der beste lebende komische Schauspieler der Welt ist.2 So sehr ich jeden einzelnen der Pythons liebe und so sehr es vor allem das Zusammenspiel so unterschiedlicher, jeder auf seine Art genialer Performer und Autoren ist, das Python so gut macht, als bloßer komischer Performer überragte Cleese die anderen stets (nicht nur im wörtlichen Sinne) und tut es noch immer. Dennoch waren auch alle anderen gewohnt großartig und natürlich hätte keiner der Pythons an diesem Abend fehlen dürfen – okay, Eric Idle war sichtbar etwas angespannt, aber das war angesichts der großen Verantwortung, die er stemmen musste, verständlich und ja, Terry Jones hat in einem Sketch seinen Text abgelesen, doch Jones war nie der größte Performer unter den Pythons (weil er nicht wollte, nicht, weil er nicht konnte), abgesehen natürlich davon, dass er unbestritten die beste Frau unter den Pythons ist, wovon man sich in einer live ungefähr 87% lustigeren Version des “Penguin on the TV”-Sketches auch an diesem Abend wieder überzeugen konnte. Übrigens kam das fortgeschrittene Alter den Pythons, mit wenigen Ausnahmen wie Nudge Nudge, Wink Wink, eher entgegen: Sketche wie Four Yorkshire Men, in dem die Pythons über ihre längst vergangene Kindheit in Pappkartons (“Ha! Wir haben damals von einem Pappkarton geträumt!”) sinnieren, oder die vielen Autoritätsfiguren im Repertoire von John Cleese (der ohnehin zu den Menschen gehört, die schon immer alt waren) funktionieren nochmal eine ganze Ecke besser, wenn die Performer die erforderte Gravitas und Lebenserfahrung projizieren und nicht vortäuschen müssen.

Das alles ist natürlich viel Herumreden um den eigentlichen Punkt: Unabhängig davon, ob man die Inszenierung der Show und die Musical-Nummern etc. nun mag oder nicht, geht es am Ende vor allem doch darum, die Pythons tatsächlich noch einmal live zu sehen, im selben Raum wie sie zu sein und zu erleben, wie sie ihr legendäres Material auf die Bühne bringen. Und das ist genau so ein unbeschreibliches Gefühl, wie ich es mir erhofft hatte – mindestens so oft, wie ich lachen musste, musste ich auch mit den Tränen kämpfen. Weil es als Fan einfach rührend ist, wenn Cleese und Palin sich beim Dead Parrot-Sketch nicht mehr in die Augen sehen können, ohne loszulachen, wenn Terry Gilliam sich mit derselben kindischen Freude wie früher in die demütigendsten Rollen der Show wirft, wenn immer wieder auf liebevoll-respektlose Weise an Graham Chapman erinnert wird, generell wenn diese großen, alten Männer der Comedy noch einmal richtig silly sind, das sichtlich genießen und dabei dennoch ihre Würde behalten.

 


  1. Mein vielleicht liebster Moment an dem Abend, als ich die Show sah, war der, als John Cleese Michael Palin im letzten Sketch unter mühsam unterdrücktem Lachen aufforderte, er möge sich doch bitte eine Punchline ausdenken, damit endlich alle nach Hause gehen können.  
  2. Cleese war auch derjenige, der am häufigsten lachen musste, zum ersten Mal noch bevor er seine erste Zeile – die auch die erste der Show ist – sprechen konnte.