Review: Brave

Nicht nur, weil Pixar seinem ohnehin schon immer beeindruckenden Backkatalog mit Up und Toy Story 3 in den letzten Jahren gleich zwei nahezu makellose Meisterwerke hinzufügte (Der jüngste Pixar-Film Cars 2 war als Fortsetzung zum bis dato schwächsten Film des Studios ein erwartbar uninteressanter Cash-In-Film, der allerdings nicht wirklich am Ruf von Pixar gekratzt hat), waren die Erwartungen an Brave im Vorfeld geradezu absurd hoch. Auch, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Studios eine weibliche Figur die Heldin des Films ist, sorgte dafür, dass im Vorfeld allerorten exzessiv über den Film berichtet wurde und schürte weiter Erwartungen.

Und was für eine Heldin Merida (Kelly MacDonald) ist – eine Art Katniss Everdeen, nur mit Humor und Lebenslust: Sie ist die Prinzessin eines Clans in den schottischen Highlands, doch für die damit einhergehende Etikette und die Traditionen, die ihr ihre Mutter (Emma Thompson) beizubringen versucht, hat sie nicht viel übrig – ihr Interesse gilt vielmehr dem Bogenschießen und dem Ausreiten zu schrecklicher Kitschmusik, für die sich selbst Celine Dion schämen würde. Merida ist eine äußerst charmante, witzige, quirky Identifikationsfigur, perfekt besetzt mit Kelly MacDonald. Sie ist außerdem ein Meisterstück der Animationskunst, mit einer Haarpracht, deren wahnsinnige Detailverliebtheit wahrscheinlich ein separates Animationsteam forderte. Generell ist es bemerkenswert, dass das Animationsteam, nachdem der Plastik-Look menschlicher Figuren lange Zeit eine Schwachstelle in Pixar-Filmen war, hier mehr noch als in Up einen so perfekt funktionierenden Look für die Charaktere gefunden hat, der irgendwo zwischen Cartoon und einem gewissen Realismus (Haare, Texturen etc.) pendelt, aber anders als beispielsweise bei Tintin nie im uncanny valley landet.

Auf der anderen Seite steht Meridas Mutter Elinor (Emma Thompson), eine Figur, deren Komplexität wohl eine der größten Stärken von Brave ist (schade daher, dass sie lange Zeit zum stummen Slapstick verdammt ist, aber dazu kommen wir noch). Elinor ist keine weitere Variante der bösen (Stief-)mutter, die ihre Tochter mehr gefangen hält als erzieht, sondern eine glaubhafte, liebende Mutter, deren Unverständnis für die Wünsche ihrer Tochter nicht aus Boshaftigkeit, sondern mangelnder Kommunikation entsteht. Dass letztlich sie den Clan führt und ihr Mann (Bill Connolly) bestenfalls eine, nun ja, repräsentative Funktion erfüllt (und das auch noch beinahe offen geschieht) ist zusätzlich ein recht cleverer Twist der Autoren, der den Konflikt der beiden ein wenig ambivalenter und Elinors unvermeidliche Wandlung am Ende ein Stück glaubhafter macht.

Zugegeben: Plakativ und ein Bisschen zu sehr on-the-nose ist dieser Konflikt noch immer. Was in Up und Toy Story 3 der reichhaltige, tiefgründige Subtext war, wird hier, um ein Buffy-Zitat anzubringen, Text: Lange bevor Merida mit einem der Söhne der benachbarten Clans (Darunter der Clan der MacGuffins. Wie brillant ist das bitte?) zwangsverheiratet werden soll und ihre eigene Hand beim Bogenschießen gewinnt, lange bevor sie eine Hexe aufsucht, um ihre Mutter zu „verändern“ und sie so versehentlich in einen Bären verwandelt (besonders unangenehm, da der König mit Bären eine Rechnung offen hat, nachdem er im Kampf mit einem sein Bein verlor), haben Merida und Elinor im Grunde schon alles ausbuchstabiert, was ihre Beziehung so problematisch macht. Merida hat zwei Tage, um den Fluch der Hexe umzukehren – und damit zwei Tage, in denen ihre Mutter gezwungen ist, ihr zuzuhören. Doch alles, was sie ihrer Mutter zu sagen hätte, hat sie vorher in einer sehr schön mit Elinors Gespräch mit ihrem Mann, in dem sie ihrerseits Dampf über Merida ablässt, zusammengeschnittenen Szene ihrem Pferd erzählt. Diese Sequenz ist wahrscheinlich der emotionale Höhepunkt des Films, und er findet in den ersten 15 Minuten statt, während wir in den Szenen, in denen sich der Konflikt der beiden Figuren entfalten sollte, stattdessen sofort zum Mutter-Tochter-Bonding übergehen, womit die Filmemacher – die ursprüngliche Regisseurin Brenda Chapman wurde auf halbem Wege durch Mark Andrews ersetzt, den Drehbuch-Credit teilen die beiden sich mit Steve Purcell und Irene Mecchi – es sich, was die Auflösung des Konfliktes angeht, ein wenig zu einfach machen.

Nach dem tollen Anfang hat der Film also viel zu schnell nicht mehr allzu viel zu sagen, woran auch der gut geschriebene, aber letztlich auch nur das Offensichtliche ausformulierende Schlussmonolog Meridas, mit dem sie sich mit ihrer Mutter und die nach der nicht zu Ende gebrachten Zwangsheirat miteinander verstrittenen Clans miteinander versöhnt, nichts ändern kann. Was natürlich nicht heißt, dass Brave nicht trotzdem Spaß macht: Der kindgerechte Slapstick im Mittelteil ist – spätestens, wenn dann auch noch Meridas kleine Brüder, chaotische Drillinge, die ihr und ihrer in einen Bären verwandelten Mutter helfen, vom König unerkannt ins Schloss zu geraten, in Mini-Bären verwandelt werden – vielleicht ein Bisschen zu sehr auf Niedlichkeit getrimmt, sorgt aber mit dem von Pixar gewohnten visuellen Einfallsreichtum genauso wie die kämpfenden Clans, die direkt einem Asterix-Band entsprungen sein könnten, sowie die verrückte Hexe und ihr grandioser Anrufbeantworter dafür, dass Brave nie wirklich langweilig wird. Dass der Film wirklich fantastisch aussieht (ich glaube nicht, dass mich dieses Jahr ein anderer Film visuell mehr beeindruckt hat), schadet natürlich auch nicht (Das 3D fällt allerdings mal wieder nicht auf. Immerhin besser, als wenn es auffallen würde.).

Ist Brave also eine Enttäuschung? Sicher, aber was bedeutet das schon nach Pixar-Standards außer „kein Meisterwerk“? Es bleibt ein äußerst unterhaltsamer Film und eine überfällige Antwort auf Disneys Märchenfilme – eine Prinzessin, die betont, sie sei nicht nur „not ready for marriage“, sondern auch hinzufügt „and I may never be ready“ ist in jedem Fall äußerst erfrischend. Man hätte ihr eben einen Film gewünscht, der etwas nunja, mutiger ist (get it?) und nicht nur Pixars eigenwillige Interpretation von Freaky Friday.


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